Postanarchismus
Anarchistische Theorie (in) der Postmoderne
von Jürgen Mümken
Seit einigen Jahren wird vor allem in den USA und Kanada
unter dem Label „Postanarchismus“ über eine Aktualisierung anarchistischer
Theorie und Praxis diskutiert. Aber auch z.B. in Brasilien oder in der Türkei
(www.siyahi.net) findet eine Diskussion
über Postanarchismus statt. Der postanarchistische Diskurs ist eine Reaktion
auf die gesellschaftlichen Transformationsprozesse der letzten Jahrzehnte.
Die aktuelle Situation wird aber nicht nur in der Theorie reflektiert, sondern
auch in der Praxis von der No-Border-Bewegung, People's Global Action, der
Zapatistas, der GlobalisierungskritikerInnen und der Autonomen. Innerhalb
der anarchistischen Debatten in Deutschland spielt der Begriff des Postanarchismus
keine Rolle. Dies heißt aber nicht unbedingt, dass die Diskussionen,
die anderswo unter Postanarchismus zusammengefasst werden, nicht auch hier
stattfinden.
Die verschiedenen theoretischen Auseinandersetzungen (poststrukturalistischer
Anarchismus, postmoderner Anarchismus, etc.), die heute unter dem Begriff
„Postanarchismus“ zusammengefasst werden, sind älter als der Begriff.
Zwar benutzt schon Hakim Bey in seinem Buch „TAZ“ (original 1991) den Begriff
„Postanarchismus“. Aber erst seit etwa 2001/02 werden die verschiedenen theoretischen
Auseinandersetzungen mit postmodernen und poststrukturalistischen Theorien
aus anarchistischer Perspektive unter Postanarchismus zusammengefasst
Im Internet habe ich die Formulierung „postanarchism is not an ‚ism’“ gefunden,
ein „ismus“ der kein „ismus“ ist . Damit ist gemeint, dass der Postanarchismus
keine Totalität darstellt, keine einheitliche Theorie, sondern wie der
Poststrukturalismus (Foucault, Deleuze), der Postfeminismus (Butler) und der
Postmarxismus (Chantal, Mouffe) eine ganzen Reihe von unterschiedlichen theoretischen
Auseinandersetzungen umfasst.
Das Menschen- und Weltbild des klassischen Anarchismus ist überholt.
Das Verständnis von Herrschaft hat sich verändert und erweitert.
Seit der Begründung des klassischen Anarchismus hat sich die Realität
des Staates und des Kapitalismus verändert, um diese im Sinne des Anarchismus
zu analysieren, ist es notwendig sich in der postmodernen und poststrukturalistischen
Werkzeugskiste zu bedienen. Foucault, Deleuze, Derrida, Butler u.a. sind keine
AnarchistInnen, trotzdem sind ihre theoretischen Arbeiten für eine Aktualisierung
des Anarchismus von großer Bedeutung. Das Präfix „Post“ steht für
eine Infragestellung und Verwerfung von einigen Grundannahmen des klassischen
Anarchismus, nicht für die Aufgabe anarchistischer Ziele. Der Postanarchismus
hält am Ziel einer klassen- und staatenlosen Gesellschaft fest, nur so
macht der Begriff einen Sinn. Ich möchte im folgenden einige postanarchistische
Ansätze kurz skizzieren.
Im folgenden geht es in erster Linie darum aufzuzeigen mit welchen postmodernen
Theorien und DenkerInnen sich die Postanarchisten auseinandersetzen.
May: Poststrukturalistischer Anarchismus
Die meines Wissens erste Buchpublikation des Postanarchismus war „The Political Philosophy of Poststructuralist Anarchism“ (1994). In diesem Buch vertritt Todd May die Auffassung, dass der Marxismus (Marx bis Horkheimer) ebenso wie der „klassische Anarchismus“ (Godwin bis Bakunin) überholt seien und sucht in der Verknüpfung von Anarchismus und poststrukturalistischen Auffassungen von Macht und Herrschaft (Foucault und Lyotard) den Ausweg. Mit Bezug auf den positiven Machtbegriff bei Foucault versucht May den klassischen Anarchismus von der Grundannahme zu befreien, dass Macht grundsätzlich repressiv sei. Dazu ist es aber notwendig zwischen umkehrbaren Machtverhältnissen und starren Herrschaftszuständen zu unterscheiden. Oft wird leider nicht nur im Anarchismus nicht zwischen Macht und Herrschaft differenziert. Todd May bezieht sich ebenfalls auf den philosophischen Antihumanismus bei Foucault. Das führt May dazu, auch das Menschenbild des klassischen Anarchismus zurückzuweisen und die Annahme, dass die Praktiken vom Subjekt aus zu analysieren sind. Er setzt dem den poststrukturalistischen Praxis- und Machtbegriff entgegen, der Macht als soziale Praxis und somit allgegenwärtig auffasst. Gegen die kapitalistische Massengesellschaft hebt May die Elemente des Anarchismus von Fragmentierung, Verschiedenheit, Vielfalt von Gesellschaften hervor.
Newman: Postanarchismus
Der „lacansche Anarchismus“ von Saul Newman bezieht sich dagegen
mehr auf Lacan und Derrida. Newman kritisiert die klassischen AnarchistInnenen,
wie etwa Bakunin oder Kropotkin, da sie sich auf eine menschliche Natur und
eine natürliche Ordnung bezögen, die durch die Existenz des Staates
zerstört werden würde. Der „klassische Anarchismus“ steht für
folgendes Menschenbild: Der Mensch ist von Natur aus gut, nur der Staat macht
ihn schlecht. Für Newman ist dies ein manichäisches Weltbild, welches
lediglich die Umkehrung von Thomas Hobbes’ „Leviathan“ darstellt. Nur, dass
nach Hobbes der „gute“ Staat die „böse“ menschliche Natur unterwirft.
In seinem Buch „From Bakunin to Lacan. Anti-Authoritarianism and the Dislocation
of Power” (2001) beginnt Newman mit Nietzsche und macht dann eine Reise durch
die verschiedensten Ansätze der politischen Philosophie. Er bezieht sich
auf den „Einzigen“ von Stirner, die Genealogie der Macht bei Foucault, die
Kriegsmaschine bei Deleuze und Guattari, auf die Dekonstruktion der Autorität
bei Derrida und auf Lacan.
Newman hat bei dem Postmarxisten Ernesto Laclau studiert, der zusammen mit
Chantal Mouffe wohl zu den wichtigsten Theoretikern des Postmarxismus gehört.
So ist es auch nicht verwunderlich, dass er am Ende seines Buches für
eine Politik des Postanarchismus eintritt. Laclau und Mouffe gehen davon
aus, dass radikale Politik nicht länger vom Proletariat oder vom Klassenkampf
dominiert wird. Die Kämpfe der Neuen Sozialen Bewegungen sprengen die
marxistische Kategorie des Klassenkampfes.
Exkurs: Subjektivität und Klassenkampf
Foucault teilt die Kämpfe der Befreiung in drei Typen ein: „die gegen die Formen der (ethnischen, sozialen und religiösen) Herrschaft; die gegen Formen der Ausbeutung, die das Individuum von dem trennen, was es produziert; die gegen all das, was das Individuum an es selber fesselt und dadurch andere unterwirft (Kämpfe gegen Subjektivierung, gegen Formen von Subjektivität und Unterwerfung)“ (Foucault 1994, 247). Foucault geht davon, dass „der Kampf gegen die Formen der Subjektivität zunehmend wichtiger (wird), auch wenn die Kämpfe gegen Herrschaft und Ausbeutung nicht verschwunden sind“ (Foucault 1994, 247). Die Art und Weise des neoliberalen Klassenkampfes von oben zeigt aber, dass die Kämpfe gegen die unterwerfende Subjektivierung und gegen Ausbeutung nicht zu trennen sind. Die neoliberalen Subjektivitäten sind Mittel der Durchsetzung und Aufrechterhaltung neoliberaler Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse. Aus einer postanarchistischen Perspektive müssen die drei Formen der Befreiungskämpfe gleichzeitig geführt werden, damit wir unser Ziel von freien Menschen in einer freien Gesellschaft näher kommen
Postmoderner Anarchismus
Ein Jahr später erscheint „Postmodern Anarchism“ von Lewis
Call, der sich neben Nietzsche und Foucault, Deleuze, Lacan auch auf Baudrillard
und die Cyberpunkern Gibson und Sterling bezieht. So besteht für Call
die „postmoderne Matrix“ auf Nietzsche und seiner „Genealogie der Moral“ und
dessen Radikalisierung durch Foucault und Deleuze; auf Lacan und den „lacanischen
Feminismus“ von Butler und Irigaray; auf Mauss/Bataille und Baudrillard.
Call sieht eine anarchistische Politik in der Arbeit von Nietzsche. Er bezieht
sich dabei auf die Kritik des cartesianischen Konzepts des Subjekts. Bei Nietzsche
finden wir eine Anarchie des Subjekts, die eine radikale Form der Anarchie
ermöglicht: die Anarchie des Werdens. Das Werden der Anarchie hat keinen
Zielzustand, mündet nicht in einem „Sein“. Die Anarchie ist kein Endzustand
einer Entwicklung, keine statische Form der Gesellschaft, sondern ein permanentes
Werden. Eine revolutionäre Möglichkeit des Werdens finden wir in
den „Tausend Plateaus“ von Deleuze und Guattari.
Für Call unterscheidet sich der postmoderne Anarchismus von Foucault
vom modernen Anarchismus von Bakunin oder Kropotkin. Es handelt sich dabei
für Call um einen neuen Anarchismus, der auf einem höheren theoretischen
Niveau operiert. Foucaults postmoderner Anarchismus beginnt nicht mit der
Kritik des Staates, sondern mit dem humanistischen Subjekt, welches den westlichen
Diskurs der Post-Aufklärung beherrscht. Die postmodern anarchistische
Praxis wird für Call im Mai 1968 geboren. Der Mai 1968 begann mit den
StudentInnenprotesten auf dem Campus der Universität von Nantarre, wo
zu diesem Zeitpunkt Baudrillard lehrte. Die Ereignisse stärkten Baudrillards
antimarxistischen Anarchismus. Die revolutionäre Theorie und Praxis des
Mai 1968 war für Call durch Guy Debord und die Situationistische Internationale
dominiert, eine radikale Bewegung mit der sich Baudrillard verbunden fühlte.
Baudrillards Politik der Simulation ist für Call eine Politik des heutigen
postmodernen Anarchismus.
Der postmoderne Anarchismus von Call kann auch als nietzscheanischer Anarchismus
bezeichnet werden.
Postanarchismus in Deutschland
Wie schon erwähnt, spielt der Begriff Postanarchismus in der anarchistischen Debatte keine Rolle. Als zwei deutschsprachige Vertreter des Postanarchismus gelten Jens Kastner und ich, dies besagt ebenfalls ein Eintrag in einer englischsprachigen Mailingliste zum Thema Postanarchismus. Die Arbeit von Jens Kastner unterscheidet sich sowohl von Todd, Newman und Call als auch von meiner. Zum einen spielt Zygmunt Bauman keine Rolle im englischsprachigen Postanarchismus, zum anderem ist die Arbeit von Kastner eine Soziologische. Der Postanarchismus von Todd, Newman und Call ist politische und praktische Philosophie. Kastner ist von den genannten auch der einzige, der sich mit der Postkolonialer Kritik und Rassismus/Antirassismus beschäftigt. Meine Schwerpunkte sind die Auseinandersetzung mit der (post-)modernen, neoliberalen Staatlichkeit der Gesellschaft unter Bezugnahme auf die marxistische Staatskritik und die Subjektivität der Individuen. Generell kann gesagt werden, dass innerhalb der deutschsprachigen Auseinandersetzung mit postmodernen Theorien, die Beschäftigung mit dem poststrukturalistischen Feminismus eine größere Rolle spielt.
Literatur:
Bey, Hakim: TAZ - Die Temporäre Autonome Zone, Berlin 1994
Call, Lewis: Postmodern Anarchism, Lanham, Lexington Books 2002
Deleuze, Gilles: Nietzsche und die Philosophie, Hamburg 1991
Deleuze, Gilles / Guattari, Félix: Tausend Plateaus, Berlin 1992
Foucault, Michel: Das Subjekt und die Macht. In Dreyfus, Hubert L. /Rabinow,
Paul (Hrsg.): Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik,
Weinheim 1994
Kastner, Jens: Politik und Postmoderne. Libertäre Aspekte in der Soziologie
Zygmunt Baumans, Münster 2000
Laclau, Ernesto / Mouffe, Chantal: Hegemonie und radikale Demokratie. Zur
Dekonstruktion des Marxismus, Wien 1991
May, Todd: The Political Philosophy of Poststrukturalist Anarchism, The Pennsylvania
State University Press, University Park 1994 (türkische Übersetzung
2000)
Mümken, Jürgen: Freiheit, Individualität und Subjektivität.
Staat und Subjekt in der Postmoderne aus anarchistischer Perspektive, Frankfurt
am Main 2002
Newman, Saul: From Bakunin to Lacan. Anti-Authoritarianism and the Dislocation
of Power, Lanham, Lexington Books 2001