Thorsten
Hallmann
Anarchismus in der Postmoderne
Jürgen Mümken (Hrs.g): Anarchismus
in der Postmoderne. Beiträge zur anarchistischen Theorie und Praxis,
Verlag Edition AV, Frankfurt am Main 2005, 160 Seiten, 11,80 €
Die Postmoderne, so scheint’s, ist nach wie vor ein
Pudding im politischen Koordinatensystem der Linken, oft geschmäht als theoretisch-methodische
Beliebigkeit, passend zum bastelbiographischen Individualismus linksliberaler
Lifestyle-Eliten. Kein Schwarz-Weiß, keine Wahrheit, nicht wie beim
guten alten Marx alles fein logisch abgeleitet bis zum bitteren Ende und
zum geschlossenen Weltbild.
Das von Jürgen Mümken herausgegebene und im Frühjahr im Frankfurter
Verlag Edition AV erschienene Bändchen „Anarchismus in der Postmoderne“
versucht, linkslibertäres (antikapitalistisch-antiherrschaftliches)
Denken und Handeln anhand der unter „Postmoderne“ subsumierten Debatten und
Theorieströmungen zu aktualisieren. Der Buchtitel verleitet sprachlich
jedoch zu Kurzschlüssen, in dem er einen Anarchismus in eine Beziehung
zu einer Postmoderne setzt. Tatsächlich schlagen die sechs Autoren (!)
in acht Beiträgen einen weiten Bogen verknüpfen sehr unterschiedliche
Aspekte linker Theorie und Praxis zu einem dichten und keinesfalls widerspruchsfreien
Geflecht.
Die Postmoderne wird zunächst als - keineswegs „beliebige“ - theoretische
Strömung betrachtet, die dezidiert jeden Wahrheits- und Objektivitätsanspruch,
nicht jedoch moralisch begründete Kritik der Gesellschaft verneint,
und sich zum Zwecke des Verständnis dieser den kognitiven, sprachlichen
und kulturellen Praktiken der Selbstkonstitution und Machtausübung zuwendet.
Hierzu zählen etwa Poststrukturalismus, Dekonstruktivismus und Postfeminismus
(Michel Foucault, Jacques Derrida, Judith Butler...). Zeitdiagnostisch hingegen
zählen zur Postmoderne neue hegemoniale Regime (Neoliberalismus, Biopolitik)
und womöglich eine neue Form der Widerständigkeit – etwa der
Zapatismus als „erste Rebellion des 21. Jahrhunderts“.
Am anderen Pol des Beziehungsgeflechts geht es nicht nur um den klassischen
Anarchismus, sondern auch um Klassenkampf, Veganismus, traditionell-herrschaftsfreie
Gesellschaften und wiederum Zapatismus – mancher land-, besser stadtläufige
Anarchist würde dies alles als überaus unanarchistisch geißeln.
Das nur nebenbei.
Aber halt, da fehlt doch was? Im klassischen Anarchismus sträflich unterbelichtet,
jedoch in der Postmoderne kaum zu umgehen: die Geschlechterfrage. In diesem
Band finden sich nur ziemlich beiläufige Annäherungen daran, etwa
auf dem Umweg über Veganismus und Anthropozentrismus statt. Ansonsten
klafft hier eine Lücke, wie die Autoren selbst zugeben.
Das ganze Unterfangen ist dennoch lohnens- und das Buch sehr lesenswert.
Die Beiträge von Torsten Bewernitz, Ralf Burnicki, Olaf Kaltmeier, Jens
Kastner, Jürgen Mümken und Bernd-Udo Rinas bieten meist theoretisch
fundierte, differenzierte und oft praxisnahe Reflexionen des Diskussionsstands
und Impulse zum Weiterdenken für eine außer- bis antiparlamentarische
linke Perspektive.
veröffentlicht in: semesterspiegel Nr. 356/2005