Jürgen Mümken
Durch das Universum von Deleuze ins Labyrinth
von Foucault
Marvin Chlada (Hrsg.): Das Universum vom Deleuze, Alibri
Verlag, Aschaffenburg 2000
Marvin Chlada, Gerd Dembowski (Hg.): Das Foucaultsche Labyrinth. Eine Einführung,
Alibri Verlag, Aschaffenburg 2002
Die französischen Philosophen, intellektuellen Weggenossen und Freunde
Gilles Deleuze (1925-1995) und Michel Foucault (1926-1984) gehören zu
den wichtigsten Vertretern einer poststrukturalistischen Philosophie, die
sich keiner Denktradition verpflichtet fühlen und keine neue philosophische
Denkschule begründet haben. Beiden ging es nicht um die Formulierung
einer totalisierenden in sich (ab-)geschlossenen Philosophie, sondern um Formen
des „anarchischen Denkens“, um dadurch neue Denkräume eröffnen zu
können. Weder Deleuze noch Foucault haben uns ein in sich geschlossenes
philosophisches Werk hinterlassen, sondern eine Werkzeugkiste, die wir (be-)nutzen
können, wie wir wollen. Dies wäre ganz im Sinne von Foucault (und
sicherlich auch von Deleuze), der in einem Interview gesagt hat: „Alle meine
Bücher (...) sind, wenn Sie so wollen, kleine Werkzeugkisten. Wenn die
Leute sie auf machen wollen und diesen oder jenen Satz, diese oder jene Idee
oder Analyse als Schraubenzieher verwenden, um die Machtsysteme kurzzuschließen,
zu demontieren oder zu sprengen, einschließlich vielleicht derjenigen
Machtsysteme, aus denen diese meine Bücher hervorgegangen sind - nun
gut, umso besser“ . Als AnarchistInnen sind wir selbstverständlich so
frei, dieses Angebot anzunehmen und die geeigneten Werkzeuge für unsere
Ziele zu entwenden und die anderen ungebraucht liegen zu lassen. Dieser anarchische
Umgang und Gebrauch von Büchern, Theorien und Gedanken sollte eine Selbstverständlichkeit
der anarchistischen Theorie und Praxis sein bzw. werden. Leider werden innerhalb
des Anarchismus die Philoso-phien von Foucault und Deleuze zu wenig benutzt
und genutzt.
Der Alibri Verlag will uns mit zwei Sammelbänden durch das Universum
von Deleuze und ins Labyrinth von Foucault führen. Beide Bücher
sind als Einführungen gedacht und auch für NeueinsteigerInnen in
diesem philosophischen Diskurs geeignet. Die beiden Einführungen gelingt
es den LeserInnen die Vielfalt des Denkens von Deleuze und Foucault näherzubringen.
Deleuze dessen Werke zum Großteil ins Deutsche übersetzt
wurde, ist bisher selten Gegenstand sogenannter Sekundärliteratur geworden.
Es hat vielleicht damit zu tun, dass viele der Bücher von Deleuze selbst
Sekundärliteratur sind. Er hat u.a. über Sacher-Masoch, Bacon, Kafka,
Caroll, Nietzsche, Leibniz, Kant, Spinoza, Bergson und Hume geschrieben. Neben
diesen Planeten sind Rhizom, Kriegsmaschinen, Nomadologie, Wunschmaschinen,
Re- und Deterritorialisierung weitere Sterne im Universum von Deleuze.
Eingeleitet wird der Band mit dem Beitrag „Denken mit dem rosaroten Panther“
von Marvin Chlada, der uns in das Universum von Deleuze führt und es
uns näher bringt. Neben den Einfluß des Denkens von Spinoza und
Nietzsche beschäftigt sich Chlada mit zentralen Begrif-fen der Philosophie
von Deleuze, da wären z.B. Rhizom, Wunschmaschinen, Kontrollgesellschaft.
Aber es geht auch um seine Kritik an der Psychoanalyse, die er und Guattari
im wesentlichen als Kontrollwissenschaft und Anpassungsinstrument betrachtet.
Die PsychoanalytikerInnen erziehen laut Deleuze und Guattari zu einer Moral
des schlechten Gewissens, „statt an der wirklichen Befreiung mitzuwirken,
ist die Psychoanalyse Teil jenes allgemeinen bürgerlichen Werkes der
Repression, das darin besteht, die europäische Menschheit unter dem Joch
von Papa-Mama zu belassen und nie mit diesem Problem zu brechen“ (S. 35).
Die Kritik an Freud und die Psychoanalyse formulierten sie in „Anti-Ödipus“,
den ersten Band von „Schizophrenie und Kapitalismus“. Der zweite Band „Tausend-Plateaus“
machte Deleuze zum Pop-Philosophen. In „Tausend Plateaus“ wird fast alles
Bedenkenswerte verhandelt: „Amazonen, Bundeslade, Kapitalismus, Kosmos und
Krieg über Literatur, Marxismus, Masochismus, Musik und Nomaden bis hin
zu Philosophie, Revolution, Vampiren, Werwölfen und Zauberei“ (S. 40f).
„Tausend Plateaus“ ist ein erstaunliches philosophisches Buch. Frau/mann kann
es in der Mitte, hinten und konventionell von vorne anfangen zu Lesen. Es
entzieht jeder akademischen Schreib- und Leseweise.
Weitere Weltraumausflüge führen uns u.a. zu Kritik an Gilles Deleuze
Mord am Subjekt (Daniel Loick) und zur Venus in Pelz, wo es um Deleuze und
den Masochismus geht (Marvin Chlada). Deleuze hat eine Reihe von Begriffe
(mit-)entwickelt und (mit-)geprägt, die z.B. in der aktuellen Debatte
um das Buch „Empire“ von Michael Hardt und Antonio Negri auftauchen. Auch
unter diesem Gesichtspunkt erscheint es notwendig, sich genauer mit Deleuze
und seiner Philosophie zu beschäftigten, und dieser Sammelband bietet
hier einen sinnvollen Ein-stieg.
Im Gegensatz zu Deleuze hat Foucault seinen Eingang in den akademischen Lehrbetrieb gefunden und auch an Sekundärliteratur mangelt es nicht. In der deutschen Linken und unter den Intellektuellen war Foucault von Anfang an umstritten und stieß auf große Ablehnung besonders orthodoxer und traditioneller MarxistInnen. Für Jürgen Habermas z.B. war Foucault ein „Jungkonservativer“. Die Ablehnung der postmodernen französischen Philosophie durch die deutschen Intellektuellen hat wohl ein Grund in der Rezeption von Nietzsche und Heidegger durch eben diese PhilosophInnen. In Zusammenhang von Foucault ist sogar von einem „Paradox eines merkwürdigen Zusammengehens von rechter Erkenntnistheorie und linker Praxis“ (Arno Münster) die Rede. Durch seine Kritik der Aufklärung, der Moderne und des philosophischen Humanismus wurde Foucault als „antiaufklärerisch“ und als „bekennenden Irrationalisten“ betrachtet. Diese Sichtweise verkennt jedoch die philosophischen Arbeiten von Foucault, die für eine Theorie und Praxis der Freiheit und Befreiung bedeutend sind. Die Archäologie des Wissens, die Analyse der Macht und die Genealogie des Subjekts und der Sexualität, gehören zu den wichtigsten Arbeiten von Foucault. Die politische Praxis von Foucault in Folge der 68-Revolte ist eindeutig. Er hat aktiv an den Kämpfen der Gewerkschafts- und Gefangenenbewegung in Frankreich teilgenommen. Er solidarisierte sich mit den „Black Panther“ in den USA und mit dem Widerstand gegen den Franco-Faschismus in Spanien. Anfang der 1970er Jahre war er Mitbegründer einer „Gruppe zur Information über die Gefängnisse“. Auf der Rückseite der ersten Zeitung dieser Gruppe hieß es:
Unerträglich sind:
die Gerichte
die Bullen
die Krankenhäuser, die Irrenanstalten,
die Schulen, der Militärdienst,
die Presse, das Fernsehen,
der Staat.
Den LeserInnen werden in diesem Band fünf Eingänge in das Foucaultsche Labyrinth angeboten: Politik und Macht – Sexus und Moderne – Aufklärung und Moderne – Literatur und Theater – Philosophie und Träume. Die fünf Eingänge markieren den philosophischen und politischen Raum in dem sich Foucault bewegt. Die LeserInnen werden auf dem Weg durch das Foucaultsche Labyrinth u.a. folgende Thematiken durchstreifen: Foucault, Cassirer und die nationale Mythologie (Tilo Fuchs); Foucault, der Tod und die Bio-Macht (Torsten Junge); Foucault im feministischen Poststrukturalismus (Sarah Dellmann); Foucaults Deutung und Kritik von de Sade (Martin Büsser); Foucault und Adorno (Daniel Loick), Foucault, die Literatur und der Gegendiskurs (Thomas Ernst). Es gibt aber noch mehr zu entdecken, und ich kann nur jedeR LeserIn empfehlen, sich auf den Weg durch das Labyrinth zu machen und dabei einiges für sich zu entdecken. Ich hoffe, dass ihr dabei auf dem Geschmack kommt, und auch zu Büchern von Foucault und Deleuze greift. Besonders empfehlen möchte ich Tausend Plateaus (Deleuze/Guattari), Überwachen und Strafen und Der Gebrauch der Lüste (beide Foucault). Die richtige Literatur für die langen Herbst- und Winterabende.
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