Jens Kastner
Der Staat und der Abfall
Der Soziologe Zygmunt Bauman widmet sich in seinem neuen
Buch dem »verworfenen Leben«
Zygmunt Bauman: Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne. Hamburger Edition, Hamburg 2005, 196 S., 20 Euro.
Bei der Herstellung der allermeisten Produkte fällt Müll
an. Diese schlichte Tatsache ist der Kern des neuen soziologischen Essays von
Zygmunt Bauman. Um ökologische Details geht es darin aber nicht, sondern
ums Ganze: Bauman hat sich ein weiteres Mal die Moderne vorgenommen und untersucht
sie im Hinblick auf ihre Ausschlussmechanismen. Bei dem Abfall, der den Soziologen
interessiert, handelt es sich natürlich um Menschen, Aus- und Abgesonderte,
von der herrschenden Doktrin als nutzlos Verworfene verstanden.
Als umkämpft und also als Frage von Macht und ihrer Durchsetzung kennzeichnet
er letztlich auch die Unterscheidung dessen, was Abfall ist und was nicht. Die
Instanz, die diese Macht über die letzten 200 Jahre in erster Linie besaß,
war und ist der Nationalstaat. Seiner Ordnung der Zugehörigkeit fallen
bis heute vor allem MigrantInnen und AsylbewerberInnen als Abfall zum Opfer.
Mit diesen Gruppen und den Prozeduren ihrer Ausgrenzung befasst sich Bauman
über weite Strecken des Buches, allerdings weitet er den Gegenstand mehr
und mehr aus. Er beschränkt sich weder auf ein Territorium noch auf einen
Zeitraum. Denn die Produktion überflüssiger Körper, so Bauman,
sei eine »direkte Folge der Globalisierung«. Neben Flüchtlingen
gehören auch andere Minderheiten zum Globalisierungsmüll. Letztlich
zählt Bauman selbst ehemalige Enron-MitarbeiterInnen dazu, die in unsicheren
Beschäftigungsverhältnissen verheizt werden. Im Gegensatz zur früher
immer so beschriebenen »industriellen Reservearmee« erwartet den
menschlichen Abfall von heute nicht mehr die Wiedereingliederung. Vielmehr erweisen
sich Aussichtslosigkeit und Ungewissheit als Konstanten des modernen Lebens.
Neue und sich ausbreitende Angst wirkt zerstörerisch auf Vertrauen, was
wiederum die Grundlagen des Zusammenlebens angreift. Als nützlich erweist
sich der menschliche Müll vor allem in einer Hinsicht, und zwar für
politische Herrschaft. Sowohl die Rede von der »Überbevölkerung«
als auch die Verknüpfung der Themen »Asyl« und »Terror«
weist Bauman überzeugend als ideologische Konstrukte aus, die vor allem
für ordnungs- und sicherheitspolitische Maßnahmen dienen.
Er schreibt keine Sozial- oder Kulturgeschichte des Abfalls, sondern collagiert
unterschiedliche Fakten zu einer Zeitdiagnose der westlichen Gegenwartsgesellschaften.
Eine entscheidende Rolle misst er der Kultur aber gerade im Setting der Aussichtslosigkeit
zu, nur sie gewinne der »Absurdität des Todes die Bedeutsamkeit des
Lebens ab«. Es geht ihm um eine veränderte Sichtweise auf die moderne
Kultur, die mit der Produktion von Bedeutung immer auch das Nutzlose geschaffen
habe. Dies gelte es als fundamentales Problem wahrzunehmen.
So bestechend seine Beispiele dafür sind, so gewagt sind die Verallgemeinerungen,
die er vornimmt. Denn was haben die flexibilisierten Angestellten von Hightech-Unternehmen
noch mit den Insassen afrikanischer Flüchtlingslager gemeinsam?
Die Antwort darauf liegt in der Relation: Sie alle sind in bestimmten Verhältnissen
oder Beziehungen das, was Bauman jeweils als Abfall bezeichnet, die »Verkörperung
der Ambivalenz«, eine potenzielle »Störung der Ordnung«
oder vom schnellen Zeitlauf »Entwertete«.
Er stimmt der viel diskutierten These des Philosophen Giorgio Agamben zu, nach
der das Gesetz selbst seine Ausnahme schafft und das Lager zum zentralen Ort
moderner Ordnungsstiftung macht. Dies kann Bauman mit einer Reihe von Beispielen
noch soziologisch illustrieren.
Auch die Arbeiten des französischen Soziologen Loïc Wacquant greift
er auf und bespricht dessen Beschreibung der gegenseitigen Annäherung von
Ghetto und Gefängnis. Galten sie früher noch als Räume potenzieller
Selbstermächtigung bzw. als Anstalten, die der proklamierten Besserung
dienen sollten, werden beide heute mehr und mehr zu Aufbewahrungsorten für
Unnützes.
Beschreibt Wacquant dezidiert den Zusammenhang zwischen spezifischen Orten,
ist deren Status bei Bauman (wie schon bei Agamben) nicht so klar: Handelt es
sich bei Lager, Knast und Ghetto um besondere Auswüchse sozialpolitischer
Entwicklungen oder um Metaphern für das gesellschaftliche Ganze?
Neben den aktuellen philosophischen und soziologischen Debatten führt Bauman
auch Gedanken aus seinen eigenen Büchern fort, wenn er beispielsweise betont,
dass die Moderne und der Nationalstaat in Idee und Praxis des Ordnungschaffens
stets verbunden waren (»Moderne und Ambivalenz«, 1995). Dass er
dabei die in »Die Krise der Politik« (2000) ausgearbeitete Differenzierung
von Sicherheit in drei spezifische Formen – security für Besitz und
Eigentum, certainty für die Gewissheiten des Alltags und safety für
den Schutz des Lebens – nicht wieder aufgreift, ist schade.
Und verwunderlich ist, dass von Jüdinnen und Juden an keiner Stelle des
Buches die Rede ist. Und das, obwohl Bauman mit »Dialektik der Ordnung«
(1994) einen wichtigen Beitrag zur Soziologie des Holocaust geleistet hat.
Das theoretische Dilemma von der Verallgemeinerung des Besonderen allerdings
findet sich bereits darin. Wie die neue Ungewissheit ist auch die Ambivalenz
ein für alle gültiges, universelles Phänomen.Sie habe, so Baumann,
in der Geschichte des modernen Nationalstaates immer die Kräfte der eindeutigen
Ordnung herausgefordert. Unklarheiten über Zugehörigkeit und Loyalität
sollten aus dem Weg geräumt werden. Ausgeführt hatte Bauman dies am
konkreten Beispiel der Jüdinnen und Juden. Bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts
habe niemand besser die Ambivalenz verkörpert als sie. Die Shoa war demnach
eine sehr spezifische Ausschaltung von Ambivalenz mit einzigartigen Ausmaßen.
Gerade weil Bauman herausgestellt hatte, wie sehr sie dennoch in die Geschichte
der Moderne eingebettet war, ist ihre Auslassung im neuen Buch nicht ganz nachvollziehbar.
erschienen in: jungle world - Nr 43 vom 26. Oktober 2005