Jürgen Mümken
Lesereise in wirkliche und wirksame Orte
Marvin Chlada: Heterotopie und Erfahrung. Abriss der
Heterotopologie nach Michel Foucault, Alibri Verlag, Aschaffenburg 2005, 138
Seiten, 14
Als ich vor fast 10 Jahren an meiner Diplomarbeit als Architekturstudent über
„Die Foucaultsche Machtanalyse und die Transformation des Raumes in der Moderne“
schrieb, wollte ich ein Kapitel über den heterotopischen Raum bei Foucault
schreiben. Damals hatte ich kaum für mich interessante Literatur dazu
gefunden, was zum einem daran lag, dass es bis dato wenig Literatur darüber
gab, aber zum anderen auch daran, dass ich damals noch ein eingeschränkten
Raumbegriff hatte. So blieb es bei einer Darstellung des Inhalts des Vortrags
„Andere Räume“ von Foucault. Das besondere Interesse von Foucault in
diesem Vortrag galt den Räumen, deren besondere Eigenschaft es ist, sich
auf alle anderen Räume zu beziehen, aber so dass sie die von diesen bezeichneten
oder reflektierten Verhältnisse suspendieren, neutralisieren oder umkehren.
Diese Räume gehören zu zwei großen Typen, die Foucault „Heterotopien“
und „Utopien“ nennt. Gegenüber den Utopien als Plazierungen ohne wirklichen
Ort sind die „Heterotopien“ wirkliche und wirksame Orte, die in der Errichtung
der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplazierungen oder Widerlager.
Es handelt sich dabei um Räume, die die „Normalität“ des Alltags
außer Kraft setzen, die Perspektive verkehren, Grenzorte, Grenzerfahrungen.
Nachdem ich in den letzten Jahren die Heterotopien etwas aus den Augen verloren
hatte, hoffte ich nun mit dem Buch „Heterotopie und Erfahrung“ vom Marvin
Chlada etwas mehr über die Heterotopie als wirkliche und wirksame Orte
zu erfahren. Doch Chlada schlägt einen anderen als von mir erhofften
und erwarteten Weg ein. Er spürt die Heterotopie u.a. in der Literatur
auf. So kann „Heterotopie und Erfahrung“ als Ergänzung und/oder Erweiterung
zu seinem ebenfalls lesenwertes Buch „Der Wille zur Utopie“ (ebenfalls Alibri
Verlag) gelesen werden. Chlada hatte in diesem Buch eine wunderbare Odyssee
durch das Universum der sozialen und technischen Phantasien von der Antike
bis zur Postmoderne unternommen. In seinem neuen Buch wendet er sich ergänzende
und andere Themen zu.
Nach dem Chlada recht ausführlich und verständlich den Begriff der
Heterotopie erklärt, wendet er sich der Ordnung der Utopie zu. Hier beschäftigt
sich Chlada u.a. mit Marquis de Sade und dem von Bevormundung befreiten bürgerlichen
Subjekt. Dieser Beitrag beginnt mit dem Zitat von de Sade: „Meine Denkweise,
sagen Sie, kann man nicht gutheißen. Nun, was interessiert mich das!
Derjenige ist schön verrückt, der die Denkweise der anderen übernimmt“.
Im zweiten Teil geht es dann um Heterotopie und Erfahrung, die Chlada an den
Themen „Heterologie und Mythos“ (Georges Bataille), „Heterotopologie und Macht“
(Michel Foucault) und „Heterotopie und Science Fiction“ (Samuel R. Delany)
aufzeigt. In dem leider vergriffenen Science Fiction-Roman „Triton“ (Erstveröffentlichung
1976) von Delany geht es um die Erfahrung des Anderen. Delany, der sich in
diesem Roman auf den Heterotopie-Begriff von Foucault bezieht, hat auf Triton
eine Welt erschaffen, in der es zahlreiche alternative Lebenswelten gibt,
in der jedeR tun und lassen kann, was sie oder er will. Das zentrale Moment
dieses Romans ist, das Delany die Frage von Foucault „Brauchen wir ein wahres
Geschlecht?“ mit einem eindeutigen „Nein“ beantwortet. Auf Triton ist alles
möglich, die Menschen können zwischen 40 und 50 Geschlechtern, doppelt
so viele Religionen und mehreren sexuellen Orientierungen entscheiden. Mit
Technik kann nach belieben Geschlecht und sexuelle Orientierung gewechselt
werden, der Körper kann aber auch regeneriert oder einfach grün
eingefärbt werden. Es gibt keine unterwerfende und normierende Subjektivität.
Es gibt keine identitäre Vorstellung von sex und gender. Die binäre
Ordnung der Geschlechter und die Zwangsheterosexualität sind auf Triton
überwunden. Der Körper und die Sexualität sind keiner Norm
unterworfen. Triton ist Heterotopia.
Im Anhang befindet sich u.a. ein Interview Rudolf Stumberger über das
Genossenschafts- und Wohnmodell „Familistére Godin“. Der in der Tradition
des Frühsozialisten Charles Fourier stehende Unternehmer Jean-Baptiste
André Godin erbaute 1859 die Großwohnanlage „Familistére
Godin“, die so genannten Sozialpaläste, für die Arbeiter seine Ofenfabrik.
Im Gegensatz zu den disziplierenden und normierenden Werkswohnungsbau von
z.B. Krupp, waren die „Familistére Godin“ für das gemeinsame Zusammenwohnen
gebaut worden. Nicht Individualisierung, sondern die Assoziation stand im
Mittelpunkt. 1880 hat Godin die Firma und das „Familistére Godin“ an
seine Arbeiter übergeben. Es wird von einer Association als Genossenschaft
weitergeführt und 1968 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Aber ist
das „Familistére Godin“ wirklich eine Heterotopie im Sinne einer gelebten
Utopie oder nicht doch eher einer gelebten Dystopie?
In ihrem Comic „Die Stadt, die es nicht gab“ (1977) von Pierre Christin und
Enki Bilal erbaut die Fabrikbesitzerin Madeleine Hannard eine Idealstadt für
ihre Arbeiter. Da gibt es zwei befreundete Arbeiter Georg und Luis. Luis zieht
in die neue Idealstadt ein und sucht sich eine neue Arbeit an einem anderen
Ort, um dort den Klassenkampf fortzuführen. In der Idealstadt ist alles
sauber, alle haben genug zu essen, die Kinder gehen in die Schule. Es herrscht
eine ausgesprochene Harmonie und sozialer Frieden. Irgendwann reicht Luis
diese Harmonie, die keine Freiheit bedeutet. Er verlässt die Idealstadt.
Das Fazit des Comics, das die Alternative zur kapitalistischen Klassengesellschaft
anderswo gesucht werden muss, nicht aber in der Idealstadt oder im „Familistére
Godin“.
„Heterotopie und Erfahrung“ ist aber eine spannende Reise in andere Lebenswelten
und Subjektivitäten.
Eine Lesereise, die sich lohnt.
erschienen in: graswurzelrevolution Nr. 313 - November 2006