Florian Kappeler
In Verteidigung der Gesellschaft
Michel Foucault: In Verteidigung der Gesellschaft, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1999, 48 Mark. Original: »Il faut défendre la société«, Editions du seuil und Editions Gallimard, 1996..
Bereits in den Achtzigerjahren erreichten die Schriften des 1984
gestorbenen Philosophen Michel Foucault eine gewisse Popularität in der
Bundesrepublik. Jetzt kommt mit einer Reihe von Veröffentlichungen von
Vorlesungen Foucaults aus den 70er Jahren der politische und historische Foucault
zum Vorschein.
Bereits 1996 in Frankreich erschienen, ist Foucaults 1976 gehaltene öffentliche
Vorlesung In Verteidigung der Gesellschaft, seit 1999 auch in deutscher Übersetzung
erhältlich. Weitere Vorlesungen zu den Themen Normalität und Anormalität,
Biopolitik sowie Sicherheit, Territorium, Bevölkerung sollen folgen.
Foucaults grundsätzlicher Ansatz ist, den Ausspruch des Militärstrategen
Clausewitz, der »den Krieg als die Fortsetzung der Politik mit anderen
Mitteln« bezeichnete, umzukehren. Die Machtbeziehungen in einer Gesellschaft
seien durch Krieg entstanden, und die sich bekämpfenden Gruppen existierten
in der »zivilen« Ordnung weiterhin, so Foucault. Im Diskurs der
siegreichen Gruppe werde dieser Hintergrund jedoch verdeckt. Schon vor dem 17.
Jahrhundert gewann ein Gegen-Diskurs an Bedeutung, der den Staatssouverän
angriff, indem er die Strukturen in der zivilen »Schlachtordnung«
freilegte, und zeigte, dass die herrschende Ordnung aus einer Unterwerfung hervorgegangen
ist. Diese Vorstellungen richteten sich gegen Thomas Hobbes. Dieser ging von
einem Vertrag der Menschen aus, den diese aus Angst vor dem »Krieg aller
gegen alle« abgeschlossen hätten. In diesem Gegen-Diskurs werden
die gegnerischen Gruppen oft als »Rassen«, ihre Auseinandersetzung
als »Rassenkampf« bezeichnet. »Rassen« stehen hierbei
für Gruppen verschiedener Herkunft, die in einer Gesellschaft leben.
Diese »Sage« vom »Rassenkampf« wurde in der Mitte des
19. Jahrhunderts auf verschiedene Weisen modifiziert. Auf der einen Seite wurde
der »Rassenkampf« durch den »Klassenkampf« ersetzt,
auf der anderen - und hier liegt ein Ursprung des modernen Rassismus - zu einem
biologischen Kampf umgedeutet. Nun wurde nicht mehr von zwei »Rassen«
gesprochen, um die Unterdrückten gegen die von der herrschenden »Rasse«
oder Gruppe bestimmte Gesellschaft zu verteidigen, sondern der Rassendiskurs
wurde umgekehrt: Der Staat etablierte den Diskurs von einer homogenen Gesellschaft,
die aus einer einzigen »Rasse« besteht, welche von heterogenen Elementen,
sogenannten »Unterrassen«, bedroht wird, die dauernd in den ›Staatskörper‹
»eindringen«.
In dieser Strategie wird »Rasse« zu einem biologisch-medizinischen
Begriff umdefiniert: Die »Unterrasse« erscheint als biologisch »schädlich«
für den »Staatskörper«, als »degenerative Krankheitserscheinung«,
vor der der Staat die Gesellschaft schützen muss, indem er die »Reinheit«
der »Rasse« garantiert. Der einst revolutionäre Diskurs, der
die Einheit der Gesellschaft spaltete, wurde zu einem reaktionären Kampfmittel
»in Verteidigung der (bestehenden) Gesellschaft«.
Entscheidend für das Aufkommen und die reale Umsetzung dieses rassistischen
Diskurses ist die Verstaatlichung des Biologischen im 19. Jahrhundert in einer
neuen Form politischer Macht: der »Biopolitik«. Diese Macht ermöglicht
es dem Staat, neben seinem Recht zu töten auch das Leben zu beherrschen.
Dabei verbindet sich diese neue Form politischer Macht mit der Disziplinarmacht,
die Foucault in Überwachen und Strafen (Frankfurt a.M. 1976) beschrieb.
Anders als die Disziplinarmacht richtet sich diese neue »Biomacht«
aber weniger auf die einzelnen Individuen als auf die ganze Bevölkerung,
deren Gesundheit und Fortpflanzung kontrolliert und reguliert werden soll. »Diese
Biomacht war gewiss ein unerlässliches Element bei der Entwicklung des
Kapitalismus«, schrieb Foucault schon in Sexualität und Wahrheit
I. ohne die Einschaltung der Körper in die Produktionsapparate und ohne
Anpassung der Bevölkerungsphänomene an die ökonomischen Prozesse
hätte der Kapitalismus so nicht entstehen können. Eine entscheidende
politische Funktion hat dabei die zentralisierte Medizin. Krankheit erscheint
als Gefahr, da sie ökonomisch ungünstig ist, indem sie die Arbeitskraft
senkt und Kosten für die Pflege der Kranken verursacht. Dem Staat kommt
nun - und hier wird der Bezug zum Rassismus nochmals deutlich - die Aufgabe
zu, mittels der Biopolitik die Gesellschaft vor dieser vermeintlichen Gefahr
zu schützen. Ein entscheidender Angriffspunkt sind hier sogenannte »erbliche
Degenerationen«.
Die Biopolitik richtet sich an der Norm aus, sie normiert und normalisiert.
Dem Rassismus kommt die Funktion zu, zu entscheiden, wer sterben muss, damit
die »Gattung« besser leben kann. Das rassistische Motto ist »Je
mehr Degenerierte/ Kranke sterben, desto besser lebt die Gattung«. Der
moderne Rassismus ist ein biologisch-medizinischer: Eines seiner Mittel ist
auch der Krieg, der die »Gattung« »reinigen« soll. Diese
Funktion des Krieges kumuliert im mythisch-ideologisch begründeten Kampf
der »germanischen Rasse« im Nationalsozialismus. Ziel ist die Tötung
anderer »Rassen« bis zur »Vernichtung« ganzer »Rassen«.
Den Antisemitismus diskutiert Foucault nicht ausführlich. Erwähnt
wird, dass die JüdInnen von den AntisemitInnen zur »degenerierten
Rasse« überhaupt abgestempelt werden, die alle »anderen Rassen«
unterwandert und durch ihre bloße Existenz angreift. Im Nationalsozialismus
ist ein historisch singuläres Maximum in der Ausübung von Biomacht
erreicht, verbunden mit einem Maximum an nicht nur staatlich, sondern auch in
Pogromen praktizierter Tötungsmacht.
Aber auch in realsozialistischen Staaten, so Foucault, gab es, besonders im
Stalinismus, eine »Polizei-Hygiene« biologischen Anstrichs gegen
den »Klassenfeind«, gegen Abweichungen von der Norm. Der Fehler
lag hier in der mangelnden Kritik der biopolitischen Machtmechanismen in der
politischen Linken, die unreflektiert angewendet wurden. Es zeigte sich ferner,
dass in der Linken, wenn sie nicht die ökonomische Transformation, sondern
den politischen Kampf diskutierte, schnell rassistisch argumentiert wurde, laut
Foucault z.B. in der Pariser Commune und im Anarchismus, nicht so sehr im Marxismus.
»In Verteidigung der Gesellschaft« ist als Grundlagentext im Kampf
gegen Rassismus, Staatsrassismus und Biopolitik von größerer Bedeutung.
Kritisch zu betrachten wäre sicherlich die grundsätzliche Ausrichtung
Foucaults am Modell des Krieges und Kampfes, besonders bezüglich des »Rassenkampf«-Diskurses.
Der biopolitische Rassismus spielt auch in den heutigen kapitalistischen Staaten
eine wichtige Rolle. Die - von Foucault im Ansatz aufgezeigten - Zusammenhänge
von staatsrassistischer Biopolitik und kapitalistischer Ökonomie müssten
allerdings weiter ausgeführt werden. Die aktuelle Gefahr, die von Genetik,
Biotechnologien und liberalen »Bioethiken« heute ausgeht, war vor
25 Jahren vielleicht von Foucault noch nicht in vollem Ausmaß vorhersehbar.
erschienen in: philtrat 35/2000
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