Theodor
Webin
Ist Anarchismus postmodern?
Libertäre Aspekte in der Soziologie Zygmunt
Baumanns
Jens Kastner: Politik und Postmoderne. Libertäre Aspekte in der Soziologie
Zygmunt Baumanns, Unrast-Verlag, Münster 2000, ca. 450 Seiten, ca.
68,- DM
Nur selten haben sich bisher bekennende AnarchistInnen
theoretisch mit dem auseinandergesetzt, was heutzutage "Postmoderne" genannt wird. Daß der Anarchismus
als Theoriekonglomerat aufgrund neuer Situationen aktualisierungsbedürftig
ist, wird wohl kaum von irgendwem angezweifelt, und die TheoretikerInnen der
Postmoderne - die sich selber selten so bezeichnen - leisten hier eine Hilfestellung,
die häufiger honoriert bzw. überhaupt erst einmal wahr- und angenommen
werden müßte.
Die Frage, ob so verschiedene TheoretikerInnen wie Foucault, Derrida, oder
Lyotard Anarchisten wären, ist dabei hinfällig: Zu oft schon hat der Anarchismus
recht willkürlich bekannte WissenschaftlerInnen oder Kulturschaffende auf
seine Seite geschafft. Allerdings ist es durchaus wahrscheinlich, daß der
Anarchismus aufgrund seiner Heterogenität und seiner stetigen Möglichkeit
der Variation den meisten TheoretikerInnen der Postmoderne näher stehen
dürfte als irgendeine andere politische Ideologie.
Die Brücke zwischen Anarchismus und Postmoderne zu schlagen, das versucht
Jens Kastner in seiner Dissertation "Politik und Postmoderne" am Beispiel
Zygmunt Baumanns in einer Fleißarbeit von 450 Seiten. Und der Versuch kann
als gelungen gewertet werden, denn, anders als so oft üblich, macht Kastner
nicht den Fehler, Anarchismus und Postmoderne hintereinander vorzustellen und
den Rest den RezipientInnen seines Buches zu überlassen - und er bemüht
sich erst recht nicht krampfhaft, der Postmoderne den Stempel des Anarchismus
aufzudrücken.
Vielmehr untersucht Kastner gemeinsame Grundannahmen und Felder (notwendiger)
anarchistischer Debatten und postmoderner Wissenschaft, wie etwa der Aufarbeitung
des Holocaust durch Zygmunt Baumann (in "Dialektik der Ordnung") oder
den "Identitätspolitiken" des Feminismus (hier wäre Judith
Butler zu nennen) und Ethnozentrismus (Stuart Hall) - oftmals Sachgebiete, mit
denen sich der Anarchismus nur peripher beschäftigt, was den AnarchistInnen
heutiger Zeit vorzuwerfen ist, und in denen er aus der postmodernen Theorie viel
gewinnen könnte.
Ein weiterer Augenmerk liegt bei Kastner auf dem Aufstand der Zapatistas
in Chiapas, dem ersten "postmodernen Aufstand" nach dem "Ende der Geschichte" (Francis
Fukuyama, neoliberaler "Postmodernist"). Die Weigerung der Zapatistas,
politische Macht erobern zu wollen, die Adaption indigener Lebensweisen in ein
revolutionäres Konzept, die Tatsache, daß es hier nicht um einen Aufstand
für einen unabhängigen Nationalstaat geht, die Art und Weise des Kampfes
mit der Nutzung der neuen Medien und dem (ästhetischen) "Wort als Waffe" -
das alles macht den Zapatismus für AnarchistInnen interessant und zu einem
potentiellen Beschäftigungsfeld für postmoderne TheoretikerInnen.
Kastners Auseinandersetzung mit Zygmunt Baumann unter libertären Vorzeichen
kann nur ein Einstieg sein für die "postmodernen AnarchistInnen der
Zukunft", weitere Analysen anderer postmoderner TheoretikerInnen und Theorien
bleiben unerläßlich. Aber hier hat einer den nötigen Anfang gemacht,
und es bleibt zu hoffen, daß dieses Beispiel Schule macht.
Lobend zu erwähnen ist, daß diese Arbeit für eine Dissertation
erstaunlich lesbar geschrieben ist: Bei dem oftmals wissenschaftlich schwierigen
- und manchmal diffusem - Stoff, der ein mehrmaliges Lesen erfordert, bleibt
schon beim ersten Mal die Motivation, dies ein weiteres Mal zu tun: Eindeutig
ist der Sprachästhet herauslesbar aus der Wissenschaft.
Und noch kurz zum einzigen Nachteil des Buches: Der Preis, der einem bei
wissenschaftlichen Arbeiten so oft das Vergnügen einschränkt...
veröffentlicht in: graswurzelrevolution 252 – Oktober 2000