Wolf-Dieter Narr
Alternativen zum Weltkapitalismus?
Anmerkungen zu Michael Hardt/Antonio Negri: Empire (Harvard University Press, Cambridge/ Mass. 2000; 2002 ist eine deutsche Ausgabe erschienen)
Empire, Empire. Wenn man wie ich gerade unmittelbar an
der Grenze zu den USA lebt, deren Nachrichten erhält, die New York Times und andere aktuelle Informationen
täglich inhaliert, kann es einem ganz schlecht werden. Im fernnahen Europa,
der BRD zumal freilich gleicherweise.
Empire, Empire. In Worttat und Tatwort kann man seiner allumgebenden Präsenz
nicht entgehen. In Form des globalen Kapitalismus, der aus jedem Supermarket,
aus jedem PC, dem, auf dem ich aktuell schreibe, in beiden genannten Fällen
eher verlockend, an jede und jeden von uns herantritt. Wir sind, wollend, nichtwollend
mitten in ihm, ja Teile von ihm. Nicht zynisch misszuverstehen, gilt Adornos
Beobachtung in den 50jährigen Minima Moralia mehr denn je: es gibt kein
wahres Leben im falschen. In diesen Tagen, Wochen und Monaten bereitet die hegemoniale
Macht globalen Kapitalismus' einen Krieg, Kriege vor. Ein Krieg der gerade mit
deutscher Zustimmung und Hilfe in Afghanistan geführt worden ist, ist noch
nicht friedlich zu Ende. Der globale, radikal ungleiche Kapitalismus stellt bekanntlich
für Nichtideologen und viele Nutznießer primär ein Macht- , nicht
ein Marktsystem dar, richtiger noch einen Macht- und Herrschaftsmarkt. Und die
Kriegsvorbereitungen, die die gesamte USA, die fast die gesamte Welt seit dem
11.9.2001 schier verrückt machen, rasseln böse in den bildlichen Ohren
von Frieden und Freiheit. Letztere sollen qua Orwell'scher Herrschafts- als Friedenssprache
kriegerisch gegen den Irak Saddam Husseins, gegen alles, was als "terroristisch" definiert
wird, gegen alles, was den "Westen" und seine Weltmacht in Frage
stellt, verteidigt werden.
Empire, Empire. Die Ohnmacht als minimale Person zu leben, inmitten einer kapitalistisch,
technologisch und militärisch verschlungenen, herrschaftsvoll und ungreifbar überlegenen
'Situation', könnte nicht bedrückend größer sein. Globalisierungskritik,
gewiss, oder die "neuen Anarchisten" wie sie David Graebner beschreibt.
Die 'eigentlichen' 'Globalisten', die diesem globalen military-industrial-technological/scientific
complex nicht die eigene Melodie, sondern radikal andere Flötentöne
weltweit vernetzter lokal-regionaler Gruppen aller organisatorischen Formen vorspielen.
Um sie zum befreienden Tanzen zu bringen (vgl. D. Graebner: The New Anarchists,
in: New Left Review 13, Jan/Feb 2002, S.61-73). Indes. Ist das nicht eine neu
bewegte, rundum sympathische, im Anspruch jedoch bei weitem überzogene Selbsttäuschung?
Wird hier nicht das, was herrschaftlich ist und täglich Menschenopfer unerhört
fordert, bewegungs- und neuerdings auch internet-träumerisch in Richtung
neuer kleiner, global klappernder Fluchten verkannt?
Was könnte in einer solchen Zeit, da die herrschenden Abstraktionen lähmen
und nicht wenige Menschen auf der Welt töten, da Herrschaft konsequent abstrakt
geworden ist, medial täuscherisch pseudopersonalisiert, im Sinne eines ersten
Schritts mehr helfen, als der bekannte 'Durchblick'. Um diesen immer militärisch
mit Gebiss versehenen und nicht selten direkt/indirekt militärisch zubeißenden
Kapitalismus, mit welchem Legitimationsschleier betörend solche Kriege allemal
versehen sein mögen, auf den Begriff oder Begriffe zu bringen. Denn alle
monistischen 'Theorien' sind nicht nur meist falsch. Sie sind auch gefährlich.
Sie tragen immer eine Brise Robespierre in sich. "Die Tugend" bzw.
das als wahr Erkannte, "soll durch den Schrecken herrschen". Will sagen,
Mittel müssen nicht mehr sorgsam abgewogen werden. Die Herrschaftslogik
der Globalisierung, das, was und wie sie herrscht, gilt es also auf Begriffe
zu bringen. Damit die Chancen erhöht werden können, kurz-, mittel-
und langfristig als die oben genannte minimale Person, mit anderen sich zur Gruppe
hilfreich zusammenzutun und widerständige Politik zu treiben.
Das haben Antonio Negri, der zu Zeiten des italienischen Terrorismus/Antiterrorismus
Inhaftierte, und Michael Hardt, Professor für Literatur in den USA versucht.
Empire.
Ihre zentrale Hypothese lautet, damit erläutern sie den zunächst irritierenden
Titel ihres bald 500 Seiten umfassenden Buches: "Die neue globale Form der
Souveränität ist das, was wir Empire nennen" - im Unterschied
zum herkömmlichen Staat und Staatensystem. Sie erläutern diese Basisannahme
noch im Vorwort: "Der Gang zum Empire kommt aus dem Zwielicht der Moderne.
Im Gegensatz zum Imperialismus etabliert Empire kein neues räumliches Machtzentrum;
es besitzt keine festen Grenzen oder Schutzwälle. Es ist ein herrschender
Apparat ohne Zentrum, räumlich nicht zu fassen, der zunehmend den ganzen
Globus in seinen offenen und sich ausdehnenden Grenzen einnimmt. Empire besitzt
diverse Identitäten, flexible Hierarchien, und vielartige Austauschformen
in spezifischen bestimmungsstarken Netzwerken. Die unterschiedlichen Farben auf
der imperialistischen Karte der Welt sind ineinander geflossen und ergeben einen
imperialen globalen Regenbogen." Die Absicht, die Negri/Hardt mit ihrer
Untersuchung verfolgen, besteht nicht primär darin, die enormen Unterdrückungen
und Destruktionen darzustellen, die vom Empire ausgehen. Sie gehen vielmehr
darauf aus, den imperialen Globalisierungsprozess umzukehren, seine 'wahre'
Richtung
und die in ihm angelegten neuen Ziele zu geben.
Liest man das anspruchsvolle und nicht immer leicht zu verstehende Buch - das
spricht nicht gegen es -, bleiben zwiespältige Leseeindrücke zurück.
Faszination, Ärger und Enttäuschung wechseln die Stelle. Alle drei
intellektuellen Gefühle bleiben.
Die Autoren argumentieren, wie bei Antonio Negri nicht anders zu erwarten,
gescheit, gebildet, scharfsinnig. Zugleich bleiben sie begrifflich seltsam
unreflektiert
bis zu ihrer meist mit dem Marschstiefel des Indikativ beschuhten Sprache.
Als wüssten die Schreiber genau, wie es in der Vergangenheit bestellt war und
wie es in Zukunft bestellt sein wird. Der Gestus der Gewissheit überzeugt.
Nein. Er ist eine der Grundfalschheiten des Buches indezenter Gedankenüberschätzung
in nicht eingelöster materialistischer Schwere.
Die Sprache sprüht von leichtfertig gebrauchten großen Begriffen nur
so über. "Absolut"; "Ontologie"; "Immanenz" und
so weiter. Eine an Marx anschließende, irgend weiter getriebene Kapitalismuskritik
am Material kapitalistischer 'Wirklichkeit' und ihrer Hintergründe, sucht
man vergebens. Ebenso bleiben all die vielen, emphatisch gemachten Zukunftsaussagen
ohne jegliche institutionellen Überlegungen. Wie das verheißene Neue,
wenn es nicht von selbst kommt, die neue Verfassung, die den Produktivkräften
gemäss ist, den Weg ins Freie finden und erhalten soll - dunkel war's, der
Mond schien helle. Faszinierend dann aber wieder, wie das Autorengespann vor
allem mit Baruch Spinozas Hilfe, dem niederländischen Philosophen des 17.
Jahrhunderts, dichotomischem und allzu klappernd Hegelisch-dialektischem Denken
begegnen und die neuen, weltweit möglichen Gesellschaften aus einer kritisch
gepackten und umgekehrten 'immanenten' Logik der Entwicklung folgen lassen. Sie
verlocken dazu, 'unabgegoltene' Möglichkeiten im Sinne von Ernst Bloch,
Walter Benjamin und anderen auszupacken, neu anzuschucken und zur Geltung zu
bringen. Angesichts eines solchen, von Hardt/Negri freilich an keiner Stelle
reflektierten geschichtsphilosophischen Optimismus und Voluntarismus - man muss
tun, man muss wollen, 'die Entwicklung' und ihre 'Ontologie' wollen sozusagen
auch -, mag man selbst die Fanfare blasen und vorwärts gehen. Man kann sich
bekanntlich mit analytisch triftigen Einsichten auch das Grab allen Handelns
selbst schaufeln (und akademisch frohgemut weiter geschwätzige Karriere
machen).
Ich will den mir verbleibenden Platz in zwei Schritten ausfüllen. Zuerst
versuche ich, indem ich mich weitgehend auf den I. Teil des Buches konzentriere,
eine kleine Quintessenz desselben wiederzugeben. Danach will ich unter der Perspektive
einer radikalen Alternative zum Empire, so wie es 'leibt und lebt', Hardt/Negri
kritisieren. Voll Sympathie zur Richtung, die sie ausflaggen, voll Kritik, wie
sie es beim 'ontologisierenden', genauer beim nicht gewollten 'metaphysischen'
Flaggeschwingen belassen. Meine eigene Perspektive ist hierbei vom 'sozialen'
- in Differenz zum individualistischen - Anarchismus bestimmt, ausgerichtet gegen
eine m.E. geradezu verhängnisvolle Staats- und traditionelle Politikfixierung
vieler derjenigen, die das erfreulicherweise wieder etwas größere
Lager der Kritiker und Gegner kapitalistisch-herrschaftlicher Globalisierung
bevölkern.
Hardt/Negri - eine eher punktuelle Skizze des Buchs
Zuerst: Empire ist ganz neu und frisch. Ein neues Muster, das ohne Artikel
geschrieben und gesprochen, eine Art neues Subjekt verkörpert. Allerdings erfährt
man auch in den späteren Teilen nichts über die institutionelle Orthopädie
und funktionelle Physiologie dieses global allwesenden Superkörpers. Seine
Legitimation wird durch eine globale Polizeimacht und deren Recht ebenso hergestellt,
wie die Polizei und ihr Recht der imperialen Legitimität entspringen (dieser
Legitimationskreisel aus ordentlicher Gewalt und gewaltiger Ordnung, nun global
und staatlich nicht mehr zu fassen, scheint als Muster jedenfalls wenig neu.
Es ist das Staatsgewaltmuster von allem Staatsanfang an bis zu den nicht gerade
unerheblichen Resten von Staatsgewalt heute).
Ein nächstes wichtiges Merkzeichen von Empire ist seine biopolitische Produktion.
Diese Kennzeichnung haben H/N von Michel Foucault ererbt. Biomacht ist "eine
Form der Macht, die das soziale Leben von innen her reguliert, ihm folgt, es
interpretiert, es absorbiert und wieder artikuliert." So wie die direkte
Konfrontation 'disziplinäre Gesellschaft' vs. Individuum dadurch aufgehoben
ist, so verliert das, auf diese Weise ehemalige, 'internationale System' alle
seine Vermittlungen. Das neue supranationale Recht muss im Kontext des unbegrenzten
Raums, der biopolitischen Tiefe und der unvorhersehbar vorwärts gerichteten
Zeit hergeleitet werden. Die neue Form unmittelbarer Ausbeutung lebendiger immaterieller
Arbeit - die neuen Technologien spielen bei H/N eine mitausschlaggebende Rolle
-, erfordert eine neue Wertlehre und ein neues Konzept der Subjektivität.
Die neue imperiale Elite der transnationalen Konzerne übt Herrschaft nicht
mehr abstrakt und in Form ungleichen Tausches aus. Sie strukturiert die Räume
und artikuliert die Bevölkerungen direkt. Die am ehesten vollständige
Gestalt dieser Welt wird unter der monetären Perspektive präsentiert
(ich referiere durchgehend H/N weitgehend wörtlich, aber mit Sprüngen,
WDN). Unter dieser Perspektive kann man den Horizont der Werte sehen und die
Verteilungsmaschinerie, einen Mechanismus der Akkumulation, der Zirkulation,
der Macht und der Sprache. Vor allem: die Entwicklung der Netzwerke der Kommunikation
ist "organisch" mit dem Aufkommen der neuen Weltordnung verbunden. "Die
politische Synthese des sozialen Raums ist im Raum der Kommunikation enthalten." Die
Legitimation der neuen Weltordnung ist konsequenter Weise nicht mehr irgendwohin über-
oder außengelagert. Sie besteht im System selber. Sie wird dauernd in den
eigenen Sprachen der Selbstbewertung reproduziert. Da nichts mehr außerhalb
besteht, sind auch die Interventionen durch Gewalt verinnerlicht und zugleich
universalisiert worden. So folgen auch die NGOs ganz der biopolitischen Logik.
Die virtuelle und diskontinuierliche Eigenart imperialer Souveränität
mindern Sache und Effekt physischer Gewalt nicht. Letztere belegen nur, dass
Empire seine Probleme mit legitimer Gewalt letztinstanzlich löst.
Der qualitative Sprung, den Empire tut, lässt die drei Legitimitäten
von Herrschaft Max Webers zu einer unübersehbaren Mischung werden. Elemente
der Legitimation kraft Tradition verbinden sich mit einer extensiven bürokratischen
Herrschaft, die dem "physiologischen und politischen Kontext" angepasst
ist. Die charismatische Herrschaftslegitimation besteht darin, das Ganze zu vereinzeln
und die imperialen Interventionen insgesamt zu rechtfertigen. "Im Empire",
so schließt der 1. Abschnitt über dessen 'Eigenart', so eine solche
noch ohne irgendein Außen gesehen werden kann - logisch allenfalls qua
historischem Vergleich -, "im Empire und seinem Regime der Biomacht, fallen ökonomische
production und politische Konstitution tendenziell zusammen."
"
Alternativen" zum Empire, sind folgerichtig nur "im Empire" möglich.
Das ist deshalb der Fall, weil Empire selbst schon ein Schritt in die Richtung
von Alternativen ist. Und dies wiederum ist so, weil - wie es an späterer
Stelle heißt und die Annahme noch unter der oben referierten Grundannahme
von H/N darstellt -, die nur an manchen Stellen etwas sozial durchsichtiger werdende "multitude",
also die Vielheit der arbeitenden, der armen und leidenden Menschen mit ihrem
alle Grenzen überschreitenden Wunsch (desire) "den Prozess der kapitalistischen
Entwicklung voran (zu) treiben." Im I.Teil heißt es schlicht: "Die
Vielheit hat Empire ins Leben gerufen." Damit ist auch die 'Potenz der
Befreiung' schon gegeben.
Folgerichtig wenden sich H/N gegen alle nostalgischen Rückwärtssehnsüchte.
Hier und später übrigens mit trefflichen Formulierungen gegen das fast
immer falsche, sprich unaufgeklärte und voremanzipative Lob der Vergangenheit.
Vor allem aber kritisieren H/N alle dialektischen Zaubertricks, die aus dem Spitzenkapitalismus
mit kurzen Übergängen den Spitzensozialismus im salto communale sozusagen
entstehen lassen. H/N. behaupten stattdessen "absolutely immanent" zu
verfahren (etwas, so notiert der Kritiker sogleich, wohlbemerkt, das "absolut" nicht
möglich ist). Sie beziehen sich auf die Dekonstruktionen einer bunten Zahl
kapitalismuskritischer Autoren wie Lenin und Adorno. Sie erwähnen andere
kapitalismuskritische Analysen und Antizipationen der weiteren aufhaltsamen Entwicklung
des Kapitalismus. Vor allem sind jedoch die an sich schon global orientierte
Vielheit und das Proletariat an der Reihe, das Proletariat, "das im Kapital
lebt und das Kapital erhält". Schließlich werden die Kämpfe
der 90er Jahre erwähnt. Diese hätten zwar an Ausdehnung und Dauer verloren,
jedoch an Intensität gewonnen. Obgleich diese Kämpfe vielfach lokal
ansetzten, seien sie überall global bezogen, ja sprängen von ihrer
lokalen direkt zu einer globalen Bedeutung. Betrachte man die Veränderung
der Auseinandersetzungen seit Marx' Zeiten, zeige sich, dass die heute zu beobachtenden
Kämpfe "unmittelbar subversiv an sich selber seien". Empire (I,
wie man wohl unterscheiden muss), in ihm immanent, gefährdeten sie überall.
Entscheidend ist immer erneut: "Die Vielheit ist die wirkliche produktive
Gewalt unserer sozialen Welt. Empire ist nur ein einvernehmender Apparat, der
allein von der Vitalität der Vielheit lebt - wie Marx sagen würde ein
Vampir, der von der Akkumulation toter Arbeit lebt, aber nur überlebt, indem
er Blut aus der lebendigen Arbeit saugt". Im "Politischen Manifest",
das den I. Teil abschließt, fomulieren H/N das, was sie eine "materialistische
Teleologie" nennen, also ein geschichtlich angelegtes Ziel der Geschichte.
Die herkömmlichen politischen Institutionen verlieren an Macht. Die entscheidende
Frage heißt: "wie kann produktive Arbeit, die in verschiedene Zentren
zerstreut ist, ein Zentrum finden?" "Jede postmoderne Befreiung muss
in dieser Welt erreicht werden, im Feld der Immanenz, ohne jede Möglichkeit
selbst eines utopischen Außen. Die Form, in der das Politische als Subjektivität
heute ausgedrückt werden sollte, ist nicht klar. Eine Lösung dieses
Problems, müsste das Subjekt und das Objekt dieses Projekts enger verweben,
sie in eine Beziehung der Immanenz versetzen, die tiefer wäre als die, die
Machiavelli oder Marx/Engels gefunden haben. Mit anderen Worten, sie müsste
es in den Prozess der Selbstproduktion versetzen."
Die nächsten Teile (2) "Passagen der Souveränität",
das Zwischenspiel: Gegen-Empire, (3) Passagen der Produktion und schließlich
(4) Der Aufstieg und Fall von Empire mit dem fast Fidelio-haften Schluss kann
ich auch dort, wo sie aspektereich über das kondensierte Referat hinausgehen,
nicht einmal berühren. In diesem Finale, da das Empire, kontingent schon
lange zuvor von der befreitbewegten Vielheit zu einer 'eigentlichen' globalen
Anlage gebracht wird, wird selbst noch Franz von Assisi, anti-Franzisch verallgemeinernd,
einvernommen (anti-Franzisch, so irgend etwas von seiner historischen Überlieferung
Franz' von Assisi bleibt). Notieren will ich nur, indem ich nun wieder in die
Haltung meiner sympathetischen Kritik und meiner kritischen Sympathie zurückkehre
- um eine paradoxale Ausdrucksweise von Nicolaus von Cues zu übernehmen,
den die Autoren als einen ihrer Vorläufer behandeln -, dass das Buch nicht
nur die eingangs gekennzeichneten, geradezu schreienden Lücken besitzt:
keine materialistische Analyse von Ökonomie und Politik heute; vielmehr
eine philosophische Attitüde des Materialismus; keine institutionell-organisatorischen Überlegungen,
und sei es nur problematisierend, etwa wie man die viel besungene Multitude (Vielheit)
jenseits aller neuerlichen ausredereichen Netzwerkromantik mitsamt der Defininitionsmacht
des Internet, dort, wo dies notwendig wäre, vereinen könne. Und notwendig
wäre es allein, um alle nichtkapitalistisch (aber wie??) zu ernähren.
Darüber hinaus überrascht denn doch, wie sehr die Autoren gewiss sorgfältig
zu lesende und allemal aussagekräftige Ideengeschichte fast an Stelle der
'Real'-Geschichte nehmen; vor allem irritiert, wie gewiss große Autoren
wie Machiavelli, den H/N neu lesen, und vor allem Baruch Spinoza zu Zeugen gegenwärtiger
Zeit-, genauer Empire-Diagnose, vor allem zu Gewährsleuten, ja zu so etwas
wie Gewissheitsgaranten materialistisch teleogisch sich befreiender, ganz immanent
herauspaukender Zukunft werden. Die zuletzt gemachte Aussage gilt vor allem für
Spinoza. Ihm hat Antonio Negri ein eigenes bedenkenswertes Buch gewidmet. Es
ist fast 20 Jahre vor Empire erschienen. Dieses gibt dem Empire-Buch seine philosophisch-politische
Grundlage. Ohne Negris eigene Spinoza-Rezeption sind die Kategorien des Empire-Buches
und dessen von mir deswegen nur oberflächlich kritisierten Absoluts-, Immanenz-,
Ontologieannahmen u.ä.m. kaum verständlich (s. A. Negri: The Savage
Anomaly. The Power of Spinoza's Metaphysics and Politics, translated by Michael
Hardt, 1991; das italienische Original ist 10 Jahre zuvor erschienen). Mit dieser
ideengeschichtlichen Unmittelbarkeit der Autoren nicht genug ("unmittelbar" ist
ein anderes ihrer Lieblingswörter, das, unstimmig wie das damit Gemeinte
in hochvermittelter Gesellschaft sein muss, auch in Empire, ob seines verräterischen
Gebrauchs nach dem Grund des "Verrats" fragen macht. Der liegt in ihrer
Teleologie und ihrer gesellschaftsfreien Gesellschaftsvorstellung begründet.
Fast wie die Marktliberalen unterstellen sie zwar nicht die "tausendfältigen
Spontaneitäten des Markts", wohl aber die der netzwerkartig spontan
verbundenen Vielheit). Wie zum Teil zu Recht kritisiert worden ist, fällt
nicht nur auf, dass die Autoren die USA als mögliche aktuelle Form eines
Imperium gar nicht erörtern (vgl. Tarak Barlawi/Mark Laffey: Retrieving
the Imperial: E m p i r e and International Relations, in: Millenium. Journal
of International Studies 2002 - leider, wie auch die anderen sich daran anschließenden
Artikel viel zu akademisch). Mehr noch: sie zeichnen, ein gutes Teil-Kapitel
lang ein Bild der USA, das geradezu idealisierend genannt werden muss. Sperrige
Fakten, die Indianer, die Afro-Amerikaner u.a. werden zwar erwähnt. Von
einer historisch gegenwärtig einigermaßen angemessenen Analyse keine
Rede. Eine solche müsste wenigstens das gegenwärtige Zielen auf den
3. Golfkrieg und nicht zuletzt die Art des Zielens verständlicher machen.
Bei den Autoren bleibende und über sie hinausgehende Kritik in Richtung
Mangel ausnahmsweise nicht an, sondern Mängel der Alternativen
Ein Vorzug von H/N.: die neue Qualität des heutigen, sich dauernd verändernden
'Zustands' der Globalisierung wird zwar, vom Titel angefangen, sogar übermäßig
pointiert. Als ganz neues Muster, ohne all die hereinragenden 'alten Mächte'
und deren anhaltende Effekte zu beachten. Und dies inmitten des Neuen. Das Neue
von Empire wird vielmehr so stark gemacht, dass es auf seine eigene Überwindung
angelegt erscheint. Widersprüche, Krisen, indes auch und vor allem die Gewalt,
Alternativen zu kooptieren und zu unterdrücken, werden unterbelichtet. Würde
allein die modische, analytisch nicht einmal spurenartig eingelöste Behauptung
der Biopolitik zureichend vermittelt (!), herausgearbeitet, dann bedeutete diese,
dass alle Alternativen schon im Gedanken vorab zunichte gemacht werden. Würden
außerdem die gegenwärtige Supermacht, die USA genauer betrachtet worden
sein, die doch wohl - und kein superabstraktes, seltsam eigenes Subjekt Empire
- mit ihren Interessen einen Gutteil der gegenwärtigen Welt beherrschen,
dann hätte gerade aus der Schwäche dieses anscheinend vor Stärke
nur so kriegerisch strotzenden, die erwartbare gefährliche Dialektik der
Gewalt und deren Grenzen diagnostiziert werden können. Einer der klügeren
Kommentatoren hat dieser Tage in der New York Times formuliert, die USA, "der
Welt einzige Supermacht zittere an der Schwelle einer neuen imperialen Zäsur" (Mark
Danner, NYT 9.10.2002). Wenn es stimmt, wie ein US-amerikanisches Gericht jüngst
feststellte, dass seit dem 11.9.2001 "sich das Leben in Amerika drastisch
und dramatisch änderte", dann ist es die Supermacht zuerst, die angstbeißt.
Das nützt denjenigen, die durch sie vom Krieg überzogen werden, nichts.
Es könnte zusammen mit anderen Einsichten, die ich hier nicht ausführen
kann, jedoch unserer aller oppositionelles Verhalten beeinflussen. Insgesamt
gilt jedoch für H/N ebenso wie die meisten heute glücklicherweise bewegungs-
und vor allem demonstrativ flüggren Opponenten der herrschenden Art zu globalisieren,
dass die mangelhafte Diagnose der Schwächen, aber auch der Stärken
des gegenwärtigen 'west'-und US-geführten Weltkapitalismus, gerade
die Gegenbewegung auf die Dauer schwächt.
H/N präsentieren keine Alternative. Wer könnte, wer dürfte dies.
Das wäre als fertiges Eintopfessen geradezu paradox, wo so Vieles gelernt,
erprobt, neu gemacht werden müsste/muss. H/N stärken, wie sie meinen
das Wissen, wie man richtiger sagen muss, den G l a u b e n an eine Alternative.
Sehr zu befürworten ist es hierbei, dass sie ohne fertiges Konzept und Rezept
arbeiten. Dass sie etwa nicht auf eine Partei setzen oder mit einer anderen Organisationsform
allein zukunftslos Zukunft machen wollen. Diese Eigenart dürfte unter anderem
die Attraktivität des Buches bestimmen. Ansonsten eignet es sich nicht gerade
als 'Bewegungsbuch' (da läge es schon zu schwer im Rucksack). Ihre Knausrigkeit,
sich zu organisatorischen Formen zu äußern, sei es zu herrschenden,
sei es zu politisch oppositionellen, sichert ihnen zwar kontroversloses Wohlgefallen.
Ihre sparsame Phantasie schadet indes, wenn man nicht naiv auf alle gewiss nötigen
'Spontaneitäten' setzt. Auch diese sind in der Regel sehr vermittelt, sprich
von einer Reihe von Bedingungen abhängig. Die riesige Spanne zwischen wichtigen
und richtigen lokalen oder ereignisspezifischen Aktionen und dem, was global
selbst und gerade dann schwierig zu lösen wäre, wenn keine herrschenden
Gewalten dagegen stünden, wird geradezu verantwortungslos offen gelassen.
Dass dies gerade bei vielen 'Bewegten' und denen, die von den Modeerscheinungen
der 'Globalisierungskritik' leben, eben so ist, verstärkt die intellektuell
politische 'Schuld' der Herren (und anarchistischen Genossen?) N/H. Es reicht
doch einfach nicht aus, so wie halbkritisch Empire, Empire, so enthusiastisch
als des nötigen und schwierigen Organisierens Lösung: Netzwerk, Netzwerk
zu spinnrufen. Als vernetzten sich die Netzwerke zu einer, dann selbstredend
wundersam wirkenden, strikt von unten nach globaloben kommunizierenden "Weltzivilgesellschaft" (mir
wird es, schon wenn ich die Worte selbst gebrauche, ganz gewaltschummelig und
ungleich zumute) (vgl. zusätzlich zu oben erwähnten David Graebner
Michael Hardt: Today's Bandung? (über Porto Alegre,WDN), in: New Left
Review Mar/Apr 2002, 112-118); Naomi Klein: Fences and Windows. Dispatches
from the
Front Lines of the Globalization Debate, Vintage 2002; Maude Barlow/ Tony Clarke:
Global Showdown. How the New Activists Are Fighting Global Rule, Stoddart Publishing
2002)
Ein letztes, weil der Platz nicht mehr hergibt. Indem sie die alte Kultur-
und die damit verbundene Technikkritik aus gutem Grund hinter sich gelassen
haben,
werden H/N wie viele andere 'Alternativen' seltsam technologiegläubig. Sie
benutzen Internet und dergleichen nicht nur. Das muss jede/r, der/die sich in
dieser Wirklichkeit einigermaßen sozial (!) bewegen will. Nur, die kapitalistische
Logik, die in der Technologie steckt, einschließlich gerade der Produktionslogik
zu übersehen, das geht dann gefährlich naiv ein großes Stück
zu weit. Von den aktuellen und bleibenden Ungleichheiten des Gebrauchs und
ihrem allenfalls perversen demokratischen Surrogatcharakter zu schweigen.
Schade. Prächtige Spinoza-Interpretationen und ihre Anwendung auf die Gegenwart
ersetzen die Analyse der letzteren nicht. Der neue (oder doch alte?!) Hut Empire
verdeckt mehr, als er erhellt. In Sachen Alternativen heißt es konsequenter,
herrschaftskritischer und phantasievoller zu Werk gehen. Und das heißt
auch, das eigene Verhalten und die eigenen Organisationen nicht aus dem Auge
zu lassen. Ohne Hoffnung geht es nicht. Indes geht es ohne geschichtsphilosophischen
Glauben. Es muss sogar. Der verstellt nur. Vor allem geht es nie und nimmer ohne "Kritik
als Universalarznei" (Vladimir Majakowski, in den frühen Jahren des
Stalinismus ermordet). Dieselbe ist gegen all das Herrschende und all die Herrschenden,
dieselbe ist jedoch auch für all das Alternative und die Alternativen bitter
nötig.
veröffentlicht in: graswurzelrevolution - 273 - November 2002