Stefan
Paulus
Anarchismus in der Postmoderne
Eine Buchbesprechung
Mümken, Jürgen (Hrsg.): Anarchismus in der Postmoderne.
Beiträge zur anarchistischen Theorie und Praxis, Verlag Edition AV, Frankfurt
am Main 2005, 11,80 €
Der Sammelband „Anarchismus in der
Postmoderne“ mit setzt sich mit Teilaspekten anarchistischer und poststrukturalistischer
Theorien auseinander. Ziel dieses Bandes ist es die, durch die Veränderung
der kapitalistischen Strukturen hervorgegangen, gesellschaftliche Zusammenhänge
neu zu beurteilen und veraltete anarchistische Analysekonzepte in Frage zu
stellen. Denn nicht nur die Nationalstaaten und die Kapitalverwertungsbedingungen
haben ihre Form verändert, sondern auch die Ideen von Freiheit und Autonomie
sind Teil eines neoliberalen Diskurses geworden, um Menschen dazu zubringen
ihre Träume und Wünsche nach Selbstbestimmung als ein herrschaftsstabilisierendes
Element einzubauen. Weil die kapitalistische Globalisierung mit ihrem neoliberalen
Gesicht die gesellschaftlichen Realitäten und deren Wahrnehmung verändert,
ist die zentrale These dieses Bandes, dass das Vokabular des klassischen Anarchismus
nicht mehr zur Analyse und Kritik gegenwärtiger Gesellschaften ausreicht.
An dieser Stelle setzt auch der erste Beitrag „Anarchismus in der Postmoderne“
von Jürgen Mümken an: Mümken erläutert, dass der aktuelle
Anarchismus noch stark an den Idealen der Modere verhaftet ist. Aufklärung,
Vernunft, Fortschritts- und Technikgläubigkeit, Objektivität und
die Vorstellung eines bürgerlich-autonom handelnden Subjekts sind wesentliche
Bestandteile der Modernen Ideologie. Mümken stellt dabei Fragen danach,
welchen Zweck, welchen Wahrheitsanspruch diese Kategorien erfüllen. Postmoderne
Ansätze versuchen moderne Kategorien radikal Infragezustellen, zu dekonstruieren
und ihre herrschaftssichernde Funktionen offen zu legen. Diesen Ansatz, so
Mümken, müsste auch die aktuelle anarchistische Theorie und Praxis
leisten. Eine mögliche Form der Reflexion und der Weiterentwicklung der
momentanen anarchistischen Analyseversuche ist der in diesem Beitrag vorgestellte
Ansatz des Postanarchismus.
Der darauf folgende Beitrag „Autorität, Verhältnis, Effekt
gegen Repräsentation und Gewaltmonopol“ von Jens Kastner setzt
sich mit dem anarchistischen Staatsverständnis unter neoliberalen Vorzeichen
auseinander. Kastner verdeutlicht mit den Konzepten von Bakunin, Landauer,
Foucault, Agamben, dass staatliche Regierungsweisen nicht ausschließlich
repressiv sind und auf Zwang und Bedrohungen beruhen, sondern, dass der Staat
ebenso ein Verhältnis, ein freiwillig von Individuen mitgetragenes Gewaltmonopol
ist, das durch Bestechungen und Konsens reproduziert wird. Der Beitrag von
Kastner schließt mit der spannenden Frage: „Wenn Freiheit selbst
ein Teil gouvernementaler Führung geworden und als Gegenbegriff zum Staat
in Zweifeln geraten ist, was kann dann den offensichtlich vorhandenen Herrschaftsverhältnissen
entgegengehalten werden“ (Kastner: 37f) ?
Dieser Denkweise folgt auch der anschließende Beitrag von Mümken
„Anarchismus, Neoliberalismus und Die Befreiung der Gesellschaft vom
Staat“. Mümken geht der Differenz zwischen einem anarchistischen
und neo-liberalen Freiheitsbegriff nach und kommt zu einem keineswegs überraschenden
aber diskussionswürdigen Fazit.
An der Idee wie in einer herrschaftslosen Gesellschaft Entscheidungen getroffen
werden könnten, setzt der Text von Ralf Burnicki „Anarchismus und
Konsens“ an. Dieser Text ist allerdings nicht nur ein theoretisches
Denkspiel, sondern bietet auch konkrete Handlungsmöglichkeiten an, wie
(Gruppen-) Entscheidungen außerhalb von Konkurrenz, Hierarchien und
Bevormundungen getroffen werden könnten.
Zentral für eine anarchosyndikalistische Auseinandersetzung mit postanarchistischen
Ansätzen bietet der Beitrag „Klasse von Gewicht? Probleme des Klassenkampfes
in der Postmoderne“ von Thorsten Bewernitz. Bewernitz fragt danach,
wo die Probleme des Klassenkampfes zu finden sind, ob es noch Klassen in der
Postmoderne gibt bzw. ob überhaupt noch ein Klassenbewußtsein im
neoliberalen Kapitalismus existiert und ob für eine radikale Veränderung
gesellschaftlicher Verhältnisse ein revolutionäres Subjekt notwendig
ist. Bewernitzs Analysen bieten nicht nur eine spannende Diskussionsgrundlage
zur Erneuerung anarchosyndikalistischer Konzepte, sondern sind auch eine Antwort
auf die phlegmatischen Phrasen angestaubter AnachosyndikalistInnen, denn „Klassenkampf
ist der Kampf darum, nicht klassifiziert zu werden“ (Bewernitz: 92).
Die folgenden Beiträge von Olaf Kaltmeier „Auf der Suche nach Anarchie.
Poststrukturalistische Perspektiven auf herrschaftsfreie Gesellschaften und
widerständige Gemeinschaften“ und von Thorsten Bewernitz „Karl
Marx und andere Gespenster oder: Eine Neue Internationale der Hoffnung“
finden libertäre Ansätze bei der Mapuche-Bewegung in Chile und den
aufständigen Zapatisten in Mexiko. Hervorzuheben hierbei ist Kaltmeiers
poststrukturalistische Herangehensweise, welche aufzeigt, dass es keine herrschaftsfreien
Gesellschaften mehr gibt und dass selbst die Beschreibung von „anderen“
Gesellschaften, „eigene“ Vorstellungen beinhaltet und diese dadurch
schon von Machtverhältnissen und Herrschaftstechniken durchzogen sind.
Gerade dieses Dilemma ist aber eine libertäre Herausforderung, um einen
vielfältigen, differenzierten bzw. einen „polyphonen und ent-werkten
Kommunismus zu denken“ (Kaltmeier: 118). Die Politik der EZLN greift
verschiedene Perspektiven auf, indem sie solche Wir/Ihr Dualismen dekonstruiert,
indem sich die ProtagonistInnen maskieren und so „wissen wir nicht,
ob hinter der Maske (des Subcomandante Marcos, der EZLN,...) der/die chiapanekanische
Indigene, der Schwule/die Lesbe in San Fransisco, der/die Schwarze in Südafrika,
der/die AsiatIn in Europa, der/die AnarchistIn in Spanien 1936, der/die GewerkschaftlerIn
in einer Maquiladora, der/die PazifistIn in Bosnien, der/die Bauer/Bauerin
ohne Land steckt“ (Bewernitz: 134).
Der letzte Beitrag von Bernd-Udo Rinas „Postmoderne-Veganismus-Anarchismus.
Andeutungen zu einem nicht-anthropozentrischen, postmodernen und dekonstruktivistischen
Anarchismus“ schließt einerseits Konsequent an der politischen
Philosophie des Poststrukturalismus an, nämlich „Tier-Werden, Schwarz-Werden,
Frau-Werden“ (Gabriel Kuhn), bietet andererseits wiederum ein normatives
Ideal, wenn im „Veganismus erste Verwirklichungsschritte eines postmodernen
Anarchismus angedeutet werden“ (Mümken: 9).
Insgesamt ist dieser Sammelband ein gelungener Beitrag zur Diskussion über
die Aktualisierung anarchistischer Theorie und Praxis. Gerade die herrschaftskritischen
Ansätze poststrukturalistischer Arbeiten und ihrer immanenten Kritik
der scheinbaren Natürlichkeit gesellschaftlicher Ordnungen und Denkformen
ermöglichen die theoretischen Lücken des klassischen Anarchismus
zu schließen. Auch der Verlag Edition AV hat Mut bewiesen, diese längst
überfälligen Erneuerungsversuche einer breiten Öffentlichkeit
zu kommen zu lassen. Kritisch lässt sich anmerken, dass in diesem Sammelband
keine explizite Auseinandersetzung mit feministischen Inhalten stattgefunden
hat, denn gerade poststrukturalistische Diskurse basieren auf Überlegungen
zur Dekonstruktion von binären Geschlechtsidentitäten, sowie auf
der Kritik der Geschlechterverhältnisse als Herrschaftsverhältnisse.
Dieses Fehlen verdeutlicht wichtige offene Stellen um die Theorie des Postanarchismus
voranzutreiben.
unveröffentlicht