Stefan
Paulus
Freiheit, Individualität und Subjektivität
Staat und Subjekt in der Postmoderne aus anarchistischer Perspektive - Eine Buchbesprechung
Mümken, Jürgen 2003: Freiheit, Individualität und Subjektivität
- Staat und Subjekt in der Postmoderne aus anarchistischer Perspektive, S. 302,
Verlag Edition AV, Frankfurt/M., 17 €, ISBN 3-936049-12-2
Jürgen Mümken geht in diesem Buch den von Gilles Deleuze und Félix
Guattari gestellten Fragen nach: "Warum kämpfen die Menschen für
ihre Knechtschaft, als ginge es um ihr Heil? Warum ertragen sie seit Jahrhunderten
Ausbeutung, Erniedrigungen, Sklaverei, und zwar in einer Weise, dass sie solches
nicht nur für die anderen wollen, sondern auch für sich selbst?"
Wer in diesem Buch nach Antworten sucht, kann lange suchen. Mümken will
keine vorgefertigten Lösungen liefern, sondern die LeserInnen einladen sich
mit verschiedenen Theorieansätzen zum Thema "Staat" und "Subjekt" auseinander
zu setzen, um so Denkanstösse für die Auseinandersetzung mit der von
Deleuze und Guattari gestellten Frage zu geben. Ihm geht es hier nicht um die
Formulierung einer geschlossen totalisierenden Theorie, "sondern um Formen
des 'anarch(ist)ischen Denkens', das Vorhandenes als Werkzeug benutzt, um dadurch
Denkräume zu eröffnen (10)."
Mümken versteht dies ganz im Sinne Foucaults, der seine Bücher als
Werkzeugkisten ansieht, indem Leute sie aufmachen können, um Sätze,
Ideen oder Analysen als Schraubenzieher zu verwenden und um so die Machtsysteme
kurz zu schließen, zu demontieren oder zu sprengen.
Um dies zu erreichen, stellt Mümken verschiedene Diskurse dar (Strukturalismus,
Postrukturalismus, Dekonstruktivismus etc.) und zeigt anarchistische Anschlüsse
an diese Diskurse auf, stellt Aspekte der anarchistischen Staatskritik (Stirner,
Bakunin, Kropotkin, Rocker) und der marxistischen Staatskritik (Marx, Althusser,
Poulantzas, Hirsch) dar, geht auf die Genealogie des modernen Staates von
Foucault ein, um aufzuzeigen, wie das Verhalten von Menschen durch den Staat,
bzw. durch
Macht, Herrschaft, Denkformen, Techniken und Praktiken strukturiert werden
kann.
Im Zentrum der Auseinandersetzung um das Subjekt und dessen Subjektivierung
stehen feministische Theorien (Gender, Post-Gender, Anarchafeminismus). Aber
auch der "Einzige" von
Max Stirner kommt zum Zuge als Kritik bürgerlicher Subjektvorstellung und
als Mittel sich selbst zu konstituieren. Diese Ansätze bilden die praktische
Kritik um die Identitätspolitiken der Postmoderne zu durchschauen.
In Zeiten der kapitalistischen Globalisierung oder der Postmoderne sind neue
Analyseinstrumente erforderlich, welche die kapitalistische Vergesellschaftung,
das Kapitalverhältnis und die damit einhergehenden Strukturen problematisieren
und die den Blick darauf richten, wie Herrschaftsverhältnisse durch das
eigene Handeln tagtäglich reproduziert werden, bzw. radikal in Frage gestellt
werden können.
Für Mümken versagen die klassischen Instrumente der Herrschaftskritik
in der gegenwärtigen Gesellschaft, denn "jede Epoche bringt ihre
eigenen Herrschaftstechnologien hervor, so dass wir auch immer wieder neue
Instrumente
der Analyse brauchen (275)."
Mümkens Buch ist eine Aufforderung an alle alte Grabenkämpfe sein zu
lassen und sich auch bei "nicht-anarchistischen" DenkerInnen die "geeigneten
Werkzeuge für unsere Ziele (10)" auszuleihen, um sie dann destruktiv
gegen die bestehenden Verhältnisse einzusetzen. Mümken, der ein profunder
Kenner des Denkens des französischen Philosophen Michel Foucault ist, gibt
mit diesem Buch nicht nur einen detaillierten Einblick in dessen Gedankenwelt,
sondern liefert gleichzeitig einen umfassenden Einblick in verschiedene Theorien,
ohne dabei den Blick auf das Thema zu verlieren. Personenregister und das gut
erarbeitete Inhaltsverzeichnis ermöglicht das Buch auch als eine Art
kommentiertes Theorielexikon zu benutzen. Dieses Buch ist m.E. ein wichtiger
Beitrag um die
anarchistische Theorie und somit auch die anarchistische Praxis weiterzuentwickeln.
veröffentlicht
in: graswurzelrevolution 282 - Oktober 2003
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