Jens Kastner: Politik und Postmoderne. Libertäre Aspekte in der Soziologie Baumans; Münster 2000; Unrast Verlag; 318 Seiten; 58 DM
Mit Politik und Postmoderne
hat Jens Kastner einen ersten Beitrag für
eine längst überfällige Auseinandersetzung mit dem postmodernen
Denken aus anarchistischer Perspektive geleistet. Die Arbeit ist vor allem
vor dem Hintergrund zu sehen, daß sich der klassische Anarchismus durch
seine HauptvertreterInnen stark an den Idealen der Aufklärung orientiert.
Das Ziel, der nun vom Unrast veröffentlichten Dissertation von Jens Kastner
ist es die libertären Aspekte in der Soziologie von Zygmunt Bauman herauszuarbeiten.
Die bekanntesten Bücher von Zygmunt Bauman dürften wohl „Dialektik
der Moderne. Die Moderne und der Holocaust“ und „Moderne und Ambivalenz.
Das Ende der Eindeutigkeit“ sein.
Postmoderne ist für Baumann sowohl seine eigene Diagnose der Gegenwartsgesellschaften
als auch der theoretische Stadtpunkt, von dem aus er diese samt ihrer Vergangenheit
bewertet. Die postmoderne Auffassung von der Welt beinhaltet die „Auflösung
der Objektivität“, daß heißt die Grundannahmen, die
für die moderne Gesellschaften konstituierend waren, nicht mehr aufrechterhalten
werden konnten, weil ihr Scheitern zu offensichtlich wurde. Für Bau-man
stellt sich deshalb auch die Frage nach einer Soziologie nach dem Holocaust.
Für Kastner sind folgende Phänomene an der Postmoderne libertär:
essenzfrei/substanzlos, kontingent und selbstbestimmt (S. 21).
Für Bauman ist das Wesensmerkmal der Moderne die Schaffung von Ordnung,
diese Ord-nung bringt zwangsläufig auch Ambivalenz hervor, die aber eigentlich
durch die Moderne aufgehoben werden sollte. Durch Ein- und Ausschlußhandlungen
sollen diese Ambivalenzen bekämpft werden. Die Postmoderne ist eine Reflexion
der Moderne, die die Grundannahmen und das Ordnungsraster der Moderne grundsätzlich
und radikal in Frage stellt. Die moderne Ordnung gerät aus den Fugen.
Kastner stellt jetzt die Analyse und Konsequenzen von Bau-man an verschiedene
Fragestellungen dar: die Kritik Baumans am Nationalstaat, seine Analy-sen und
Auffassungen zu Rassismus (das Thema des Fremden), Postmoderne und Subjekt
und die Frage nach einer „postmodernen Ethik“, der sich die Frage
nach einer „postmodernen Politik“ anschließt. Wobei Kastner
nicht bei Bauman stehen bleibt, sondern dann wenn seine Analysen und Auffassungen
zu kurz greifen, greift Kastner auf Foucault und poststrukturalis-tische Ansätze
des Feminismus und des „Postkolonialismus“ (Homi K. Bhabba, Stuart
Hall) zurück.
Wenn sich die Moderne dadurch auszeichnet Ordnung zu schaffen, kann sie Ambivalenzen
nicht dulden, dazu gehört auch derdiedas Fremde. Bei Bauman sind Fremde „zurückgestoßene,
die ihr Recht auf Selbstkonstitution, Selbstdefinition und Selbstidentität
aufgegeben haben und sich der konstituierenden Sichtweise anderer unterwerfen“ (S.
82). Sie stelle eine Bedrohung für die modernen Gesellschaften dar, und
werden letztendlich zum „tödlichen Gift der Moderne“ (Bauman).
Die gesellschaftliche Reaktion auf derdiedas Fremde bezeichnet Bau-man mit
den Phänomen Heterophobie, Fremdenhaß und Rassismus. Heterophobie
ist laut Bauman eine Reaktionsform auf die Anwesenheit des oder der Fremden.
Sie „ist die rationale und irrationale Objektivierung von Angstgefühlen,
die in Situationen entstehen, in derdiedas Fremde nicht verstanden wird, keine
Kommunikation mit ihm und ihr möglich scheint und ein vertrautes Verhältnis
außerhalb der Vorstellungskraft liegt“ (S. 86). Im Gegensatz zu
Fremdenhaß und Rassismus ist die Heterophobie kein speziell modernes
Phänomen. Der Fremdenhaß setzt da an, wo die Unterscheidung von
vertrauter und fremder Lebensweise nicht mehr gelingt, der Fremdenhaß setzt
den „Feind mitten unter uns“ voraus. Rassismus ist bei Bauman verknüpft
mit der modernen Wissenschaft und Technologien und an einem politisch-institutionellen
Rahmen geknüpft. Die alltagsweltlichen Phänomene Heterophobie/Fremdenhaß werden
von Bauman strikt von Rassismus als institutionelles Phänomen getrennt.
Doch diese Trennungen und teilweise auch Verkürzungen greifen zu kurz,
da „er die und den einzelnen tendenziell freispricht vom Rassismus“ (S.
98). Zum anderen blendet Bauman einen zentralen Strang des Rassismus aus: den
Kolonialismus. Neben derdiedas Fremde im Inneren gibt es auch noch derdiedas
Fremde in der Ferne. Um diese Lücke zu schließen, greift Kastner
auf den Ansatz von Stuart Hall zu. Hall untersucht mit dem Diskursbegriff von
Foucault die Hauptthemen und Repräsentationsstrategien der Diskurse über „den
Anderen“.
Ein weiteres Problem im Ansatz von Bauman sehe ich die „Erfindung eines
moralischen Selbst“ (vgl. S.132ff). Bauman behauptet in seinem Buch „Postmoderne
Ethik“: „es gibt aber kein Selbst vor dem moralischen Selbst“ (S.
132). Daraus ergibt sich für Bauman: „Wir sind nicht moralisch dank
der Gesellschaft (...); wir sind Gesellschaft dank unseres Moralisch-seins“ (S.
135). Nach Bauman ist an der Moral postmodern, das sie nicht universalisierbar
ist, denn wäre sie es, wäre es keine Moral mehr sondern eine Ethik.
Der positive Rückgriff auf die „Moral“ ist aber problematisch – wie
Kastner zurecht bemerkt – „weil Moral einerseits Allgemeingültigkeit
impliziert (und ansonsten sinnlos wäre), sich aber anderseits als historisch
und sozial relativ erwiesen“ (S. 142) haben. Gerade dieser anscheinende
Widerspruch macht aus der Moral ein Instrument die Menschen zu beherrschen
ohne im jedem Fall diese mit Repression durchsetzen zu müssen, den laut
Foucault gibt es keine „einzelne moralische Handlung, die sich nicht
auf die Einheit einer moralischen Lebensführung bezieht; keine moralische
Lebensführung, die nicht die Konstitution als Moralsubjekt erfordert;
und keine Konstitution des Moralsubjekts ohne 'Subjektivierungsweisen‘ und
'Asketik‘ oder
'Selbstpraktiken‘,
die sie stützen“ (S. 147). Deshalb ist problematisch sich auf das „moralische
Selbst“ zu beziehen, das gleiche gilt meiner Meinung nach auch für
eine anarchistische Moral, die Kastner darstellt (S. 162ff). Gerade wenn es
um eine freie Individualität und Subjektivität von Menschen geht,
ist Foucaults „Ethik als Lebenskunst“ interessanter als das „moralische
Selbst“ von Bauman. “In einer Ethik als Lebenskunst kommt es darauf
an, sich gegen eine Macht zu kehren, die es darauf abgesehen hat, die Individuen
den herrschenden Normen und Konventionen anzugleichen und die Form der Existenz
zu normieren. Gegen die Norm steht die Form, die das Individuum sich selbst
gibt. Sie setzt an bei den aktuellen Verhältnissen, geht aus diesen hervor
und wirkt auf diese zurück“ . Es geht um Anarchie als Selbstverhältnis
und darum einen neuen Menschen zu entdecken: „Jeder in sich selbst“ (Gustav
Landauer).
Zum Schluß geht Kastner der Frage nach der Soziologie im postmodernen
Zeitalter nach, die erkennt, daß ihre Grundlagen kontingent sind. Dies
steht im Widerspruch zur Rolle der Soziologie im klassischen Anarchismus.
Für Bakunin war die Soziologie die „Wissenschaft von den allgemeinen
Gesetzen, die in allen Entwicklungen der menschlichen Gesellschaft wirksam
sind“ . Eine Frage bleibt aber noch offen: Kann es eine anarchistische/libertäre
Soziolo-gie geben? Es bleibt aber zu hoffen, daß die notwendige Auseinandersetzung
mit poststruktu-ralistischen und postmodernen Theorien aus einer anarchistischen/libertären
Perspektive, die von Kastner eröffnet wurde, auch fortgesetzt wird, damit
der Anarchismus in 21. Jahrhundert nicht nur für HistorikerInnen vor
Interesse ist.
veröffentlicht in: direkte aktion Nr. 144 - April/Mai 2001