Jens Kastner
Die Multitude fährt Fiat
Von den italienischen Arbeitern zu den Zapatisten: Eine
neue Einführung in den Postoperaismus
Martin Birkner und Robert Foltin: (Post-)Operaismus. Von der Arbeiterautonomie zur Multitude. Geschichte und Gegenwart, Theorie und Praxis. Eine Einführung. Schmetterling-Verlag, Stuttgart 2006, 201 S., 10 Euro.
Revolution ist der Horizont postoperaistischer Politik«,
heißt es am Schluss des Buches von Martin Birkner und Robert Foltin. Für
sich genommen, führt der Satz in die Irre. Denn in weiter Ferne sollte
die Revolution gemäß des operaistischen und auch des postoperaistischen
Denkens und Handelns gerade nicht bleiben. So viel jedenfalls hat man verstanden
nach der Lektüre des Buches, das einen von den Arbeitskämpfen in Italien
am Anfang der siebziger Jahre bis zur globalisierungskritischen Bewegung, vom
»Massenarbeiter« zum schreienden »Wir« und von Antonio
Negris Frühwerk bis zu Paolo Virno und John Holloway führt. Mit der
feministischen Kritik an den drei Theoretikern sparen Birkner und Foltin dabei
keineswegs.
Benannt nach dem italienischen Wort für Arbeiter (Operaio), hat sich im
Anschluss an die Revolte von 1968/1969 in Italien ein unabhängiger Marxismus
herausgebildet. Während in Deutschland mit der Kritischen Theorie und in
Frankreich mit den poststrukturalistischen Einflüssen der Marxismus jenseits
der Partei vor allem in der Theorie weiter entwickelt wurde, setzte man in Italien
vor allem auf den Klassenkampf. Eine starke Arbeiter- und Arbeiterinnenbewegung,
die vor allem in der Auto¬industrie Norditaliens beschäftigt war, setzte
diese Entwicklung in Gang. Den Namen »Arbeiterautonomie« verdankte
die Bewegung der Tatsache, dass sie unabhängig von der Kommunistischen
Partei und ihren disziplinarischen Vorgaben agierte.
Vom Klassenkampf auszugehen, hieß aber nicht nur, sich ihm zu widmen und
mit den Arbeitskämpfen und den später aufkommenden sozialen Auseinandersetzungen
besonders verbunden zu sein. Man gelangte auch zu einer grundlegenden Annahme:
Ähnlich wie die Vertreter des »Autonomist Marxism« und des
»Open Marxism« im angloamerikanischen Raum sehen operaistische und
postoperaistische Theoretiker und Theoretikerinnen in den sozialen Kämpfen
die Triebkräfte der Geschichte, oder, etwas vorsichtiger ausgedrückt,
die Auslöser des sozialen Wandels. Aus dieser Grundannahme erklärt
sich auch der grenzenlose Optimismus, den Negri und Michael Hardt in ihrem Buch
»Empire« verbreitet haben. Jede reaktionäre politische Wende
erscheint da als bloße Reaktion des Kapitals auf die Bewegungen der Multitude.
Überhaupt sorgen Birkner und Foltin dafür, dass man den Bestseller
von Negri und Hardt aus seinem Kontext versteht. Sie zeichnen überzeugend
nach, wie in Negris Theorie aus dem an die Fabrik gebundenen »Massenarbeiter«
der »gesellschaftliche Arbeiter« und schließlich die »Multitude«
wurde. Selbstverständlich können auch Birkner und Foltin nicht abschließend
klären, was die »Multitude« überhaupt sein soll.
Die Multitude ist nämlich sowohl als ontologisches Konzept, als historisches
Phänomen wie auch als Klassenkonzept zu verstehen. Insgesamt räumen
die Autoren dem Ansatz Negris aber keinen großen Platz ein. Überraschend
hingegen ist die große Anzahl von Seiten, die sie den Schriften John Holloways
widmen. Eigentlich ist er gar kein operaistischer Theoretiker. Der in der mexikanischen
Stadt Puebla lehrende Politikwissenschaftler steht aber wie kaum ein anderer
für einen Neomarxismus, der sich an den sozialen Bewegungen orientiert.
Mit den italienischen Genossen gemeinsam ist Holloway der überaus emphatische
Tonfall, den er beispielsweise anschlägt, wenn er die globalisierungskritischen
Bewegungen beschreibt. Im Gegensatz zu Negri und Hardt spart er es sich in seinen
Arbeiten jedoch, ausufernd auf die Philosophiegeschichte Bezug zu nehmen. Er
konzentriert sich zumeist konkret auf die Geschehnisse um den Aufstand der Zapatisten
in der mexikanischen Provinz Chiapas. Dabei kann es unter anderem als Holloways
Verdienst gewertet werden, die universalen Momente des Zapatismus herausgearbeitet
zu haben. Den Aufstand auf eine »ethnische« Revolte zu reduzieren,
verbietet sich damit.
Indem sie auch solche Konzepte unterbringen, die nicht gerade in der Auseinandersetzung
mit den Arbeitskämpfen in den norditalienischen Autofabriken entstanden
sind, bieten Birkner und Foltin genau den großen Überblick, den man
von einer guten Einführung erwartet. So entsteht ein Eindruck von den Debatten,
die seit mehr als dreißig Jahren den Operaismus begleiten. Und immer führen
die Autoren auch die Hauptkritikpunkte an. So spaltete sich zum Beispiel 1972
die Frauengruppe »Lotta Feminista« (Feministischer Kampf) von der
operaistischen Organisation »Potere Operaia« (Arbeiterkampf) ab.
Dass zu den Kritikern und Kritikerinnen immer auch schon Feministinnen gehörten,
darauf legen die Autoren besonderes Gewicht. Schließlich teilen sie auch
die postoperaistische These von der »Hegemonie der immateriellen Arbeit«.
Die Tätigkeiten fußen auf Kommunikation, Affekten, Gefühlen
und Begehren. Man kann sie nicht ohne den Blick auf die Geschlechterverhältnisse
interpretieren. Das leuchtet auf Anhieb ein.
Aber nicht nur der Feminismus ist ein Bezugspunkt. Auch auf den Einfluss der
postoperaistischen Theorie auf das zapatistische Netzwerk »Ya Basta«,
die europäische Prekariatsbewegung, die italienischen »Ungehorsamen«
und den politischen Antirassismus in Deutschland gehen die Autoren ein. Damit
gelingt es ihnen, auch die »multiplen Einsatzmöglichkeiten«
der postoperaistischen Theorie aufzuzeigen.
Zu bezweifeln ist allerdings, ob die paar tausend Kulturprekären, die auf
MayDay-Demonstrationen gehen, von ähnlicher Relevanz für eine Diagnose
der Gegenwartsgesellschaften sind, wie es die Arbeiter und Arbeiterinnen in
den Turiner Fiat-Werken der sechziger Jahre waren.
Aber ob die »immaterielle Arbeit« nun hegemonial ist oder nicht:
Man muss dieser postoperaistischen Zeitdiagnose gar nicht zustimmen, um die
strategischen Anregungen aufzugreifen. Und das ermöglicht das Buch durchaus:
Ob mit oder ohne Massenbasis, die Debatte um Strategien sozialer Bewegungen
ist also abermals eröffnet. Auch wenn die revolutionäre Umwälzung
dabei im Auge behalten wird, es geht doch um das Hier und Jetzt. In schlichter
Dualität fasst die Berliner Zeitschrift Texte zur Kunst die Frage nach
der Verbindung von Revolution und Alltag auf der Titelseite ihrer letzten Ausgabe
in den Worten des Postoperaisten Paolo Virno: »Flucht oder Ungehorsam«.
erschienen in: jungle world, 10. Januar 2007
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