Jürgen Mümken
Tier-Werden, Schwarz-Werden, Frau-Werden
Gabirel Kuhn: Tier-Werden, Schwarz-Werden, Frau-Werden.
Eine Einführung in die politische Philosophie des Poststrukturalismus,
Unrast Verlag, Münster 2005
Jede soziale Bewegung, die die herrschenden Verhältnisse, zum Wackeln
bringen will, braucht eine geeignete theoretische Werkzeugskiste zur Kritik
gegenwärtiger Gesellschaften. Der Poststrukturalismus bietet eine Reihe
von Werkzeugen zur Analyse verschiedener Herrschaftsverhältnisse. In
seinem Buch „Tier-Werden, Schwarz-Werden, Frau-Werden“ stellt uns Gabriel
Kuhn diese Werkzeuge in Form einer Einführung in die politische Philosophie
des Poststrukturalismus vor. Gabriel Kuhn geht es in seinem Buch nicht um
eine Darstellung von dem poststrukturalistischen Denken, sondern um eine Mischung
aus anti-herrschaftlichen Denkprinzipien und darauf bereits entwickelten Gedanken,
Konzepten und Theorien. Es geht ihn nicht so sehr darum, das Denken der einzelnen
PoststrukturalistInnen darzustellen, als vielmehr poststrukturalistische Denkweisen.
So richtet sich das Buch nicht nur an WissenschaftlerInnen, sondern explizit
auch an die Aktiven aus den verschiedenen sozialen und politischen Bewegungen.
Es ist ein Handbuch, das Hilfestellung leisten will zum Verständnis poststrukturalistischer
Theoriebildung und ihrer revolutionären Potentiale, sowie zur Entfaltung
eigener revolutionärer Theorie und Praxis.
Zunächst geht es Kuhn um die Analyse und Kritik der herrschenden (modernen)
Denkformen mit Hilfe des Poststrukturalismus. Zum poststrukturalistische Denken
gehören folgende Prinzipien: „Die Ablehnungen der Wahrheit, der Wesenheit,
des autonomen Projekts und ein bloßen Kommunikationssprache“ (S. 24).
Aufgrund dieser Prinzipien analysiert und kritisiert er die herrschenden und
modernen Denkformen, wie Wahrheit, Universalität, autonomes Subjekt,
Logozentrismus und Kontinuität und Kausalität. Da der Poststrukturalismus
aber nicht nur aus Kritik besteht, werden auch zentrale Momente poststrukturalistischen
Denkens dargestellt: Singualitäten, Vielheiten, Differenzen, Wunsch,
Nomadismus, Diskurs und Dekonstruktion. Nachdem Kuhn die herrschenden und
poststukturalistischen Denkformen vorgestellt, geht es ihm um die politische
Philosophie des Poststrukturalismus als Gesellschaftskritik. Die radikale
Umwälzung der herrschenden Verhältnisse ist das Ziel des Poststrukturalismus:
„Viele Gedanken tragen dabei anarchistische Züge; diese werden in dem,
was ich schreibe bestimmend sein. (…) Was die PoststrukturalistInnen wollen,
ist der Kampf gegen Herrschaft und Autorität und die Erfahrung aktiver,
lebendiger, intensiver, ungebundener und bejahender Lebensformen“ (S. 113).
Den PoststrukturalistInnen geht es nicht um die „richtige Linie“ revolutionärer
Politik oder um eine fixierte Vorstellung des herrschaftsfreien Lebens. Sie
suchen kein ursprüngliches Ideal und wollen kein „Zurück zu …“!
Genau darin liegt ein Aspekt des herrschaftsfreien Denkens des Poststrukturalismus.
Kuhn stellt vor diesem Grund alteritären Lebensformen und revolutionären
Widerstand vor. Der Inhalt des Buches ist so umfassend und komplex, dass eine
Rezension nicht ausreichend würdigen kann. Nora Räthzel schreibt
im Vorwort, warum das Buch so lesenswert ist: „Die Schreibweise entspricht
dem Gegenstand: Fundstellen aus einer breiten Auswahl poststrukturalistischer
Texte werden unter zentralen Begriffen zusammengestellt. So entsteht ein Kaleidoskop
vielfältiger Argumentationen, jeweils verknüpft durch kritische
Fragen aus der Debatte, die die vorgestellten AutorInnen hervorgerufen haben“
(S. 7).
Da die Urfassung des Textes vor etwa 10 Jahren verfasst wurde, fehlt leider
die Debatte um Judith Butler und die verschiedenen Anschlüsse an ihr
und die verschiedenen Anschlüsse an den Gouvernementalitäts-Begriff
von Foucault, der für die Analyse neoliberaler Herrschaft zentral ist.
Ansonsten ist das Buch eine Theorie-Fundgrube und jedeR wird die Werkzeuge
finden, die sie oder er braucht.
veröffentlicht in: graswurzelrevolution - 310 - Juni 2006