Kaltmeier, Olaf / Kastner, Jens / Tuider, Elisabeth (Hrsg): Neoliberalismus - Autonomie - Widerstand. Soziale Bewegungen in Lateinamerika, Münster 2004, Westfälisches Dampfboot, 278 Seiten
„Was läuft denn nun wirklich und welchen Ausschnitt
davon sehen wir jetzt gerade überhaupt, ohne die jeweilige Geschichte
und die komplexen aktuellen Prozesse zu vernachlässigen?“ Ausgehend
davon, dass die Dominanz des Neoliberalismus keineswegs überwunden ist
sowie national beschränkte Analysen und milieuinterne Betrachtungen keine
adäquaten
Erklärungen mehr liefern können, widmen sich Olaf Kaltmeier, Jens
Kastner und Elisabeth Tuider, die den 13 Aufsätzen umfassenden Band „Neoliberalismus
- Autonomie - Widerstand. Soziale Bewegungen in Lateinamerika“ herausgegeben
und mitgeschrieben haben, dieser rühmlichen Grundfrage der Soziologie.
Sie stellen sich einer schwierigen Herausforderung der zeitgenössischen
Gesellschaftswissenschaft und können ein respektables und aktuelles Buch
vorweisen, da sie die 'berühmt-berüchtigte’ Balance zwischen
Theorie und Praxis hinbekommen und eine vielschichtige Neoliberalismuskritik
und Bewegungsanalyse liefern.
Im ersten Viertel, in dem es um „Cultural Politics im Neoliberalimus“ (Kaltmeier,
Kastner, Tuider) und die „Kultur und Politik in sozialen Bewegungen in
Lateinamerika“ (Alvarez, Dagnino, Escobar) geht, ist das Werk allerdings
schon ein theoretischer und sprachlicher „Brocken“: Es wird sehr
viel spezielles Wissen zur Bewegungssoziologie vorausgesetzt, so dass sich
die Frage stellt, wer diese Kapitel außerhalb der (spezialisierten) Disziplin
lesen könnte. Komplexe Entwicklungen, die von einem stark ausdifferenzierten
AkteurInnengeflecht gestaltet werden, müssen nicht notwendigerweise schwierig
formuliert werden. Es sei den SchreiberInnen nachzusehen, da sie eben keine
verkürzte Kritiken liefern möchten und mehrere Jahrzehnte Bewegungsforschung
auf eine verdauliche Seitenzahl kürzen wollen.
Erfreulich ist, das wir keine eindimensionalen Ansätze präsentiert
bekommen, sondern die Verquickung verschiedener Analysemuster Hinweise auf
die komplexen Zusammenhänge von Politik, Kultur und Wirtschaft sowie ausdifferenzierte
Herrschaftsanalysen bis weit in soziale Bewegungen hinein erhalten. Durch den
Band zieht sich der Anspruch, anknüpfend an den Identitätsansatz
und vor dem Hintergrund politischer Ökonomie, die kulturellen Aspekte
an Soziale Bewegungen zu betonen, nicht deshalb, damit die Erfolge Sozialer
Bewegungen nicht nur an den institutionellen Umsetzungen ihrer Forderungen,
sondern an tiefgreifenderen Prozessen gemessen werden können. Die AutorInnen
beschäftigen sich theoretisch mit den Kategorien race, gender, culture, Feminismus
und Post-Feminismus, Dekonstruktivismus, Postmoderne, politischer Ökonomie,
Imperialismustheorien sowie Bewegungsforschungen.
Sie setzen sich dabei mit revolutionären bis reformerischen Gruppierungen – und
ihren zahlreichen, oft widersprüchlichen Mischformen – auseinander,
ohne dabei die vielzitierte 'Realpolitik’ außer Acht zu lassen.
So wird ein breites Spektrum gesellschaftlicher AkteurInnen beobachtet, wodurch
die Erweiterung des Denk- und Kritikhorizontes auf Zonen jenseits der Systemimmanenz
ermöglicht wird. Im Hinblick auf hier und da vereinfachte Betrachtungsweisen
von AktivistInnen durchbrechen sie analytisch auch den angenommenen zivilgesellschaftlichen
'Gürtel
der Guten’, der manches Mal besagt, dass soziale Bewegungen 'per
se’ zur Emanzipation der menschlichen Spezies beitrage, indem z.B. darauf
hingewiesen wird, dass bestimmte Konzepte von „Autonomie“ durchhaus
im Sinne neoliberaler Kräfte assimiliert werden können, um, insgesamt
betrachtet, kollektive Strukturen weiter zu zerschlagen.
Im Buch schreiben engagierte und informierte AutorInnen jenseits des Mainstream über
soziale Transformationsprozesse in neun lateinamerikanischen Staaten: Bettina
Reis befasst sich mit Sozialen Bewegungen gegen neoliberale Entrechtung in
Kolumbien, Verónica Schild mit Feministinnen, Staat und den Armen bei
der Schaffung neoliberaler Gouvernementalität in Lateinamerika, Stefanie
Korn mit Paramilitärs und sozialem Widerstand in Guatemala-
Olaf Kaltmeier erläutert Identitäten, Territorialitäten und
Widerstand der Mapuche in Chile, Bernhard Leubolt die Rolle der Sozialen Bewegungen
in Brasilien, Elisabeth Tuider untersucht feministische Identitäten am
Beispiel der mexikanischen 'Frauen’bewegungen.
Im Kapitel zu WiderstandsakteurInnen beschreibt Martina Blank den sozialen
Protagonismus im Großraum Buenos Aires im Kontext von Autonomie und Territorialität.
Dario Azzellini schildert den bolivarianischen Prozess in Venezuela in Bezug
auf konstituierende Macht, Partizipation und Autonomie.
Simón Ramírez Voltaire fragt nach neuen Formen der (Bewegungs-)Demokratie
in Bolivien. Stefan Timmel problematisiert die Situation der Sozialen Bewegungen
im Zusammenhang von Autonomie und Parteien-Hegemonie in Uruguay, die nach dem
kürzlichen Wahlausgang zugunsten des weniger neoliberalen Bündnisses frente amplio (Breite
Front) eine besondere Aktualität. Schließlich
plädiert Jens Kastner für eine verstärkte Analyse der Transnationalisierung
der Sozialen Bewegungen und schildert die herausragende Bedeutung der zapatistischen
Rebellion innerhalb der Bewegungsforschung.
Der vorliegende Band liefert eine vielseitige,
fundierte und engagierte Kritik an der sich permanent anpassenden Dominanz
des Neoliberalismus, die eine weite
Verbreitung verdient hat, da der Anspruch der AutorInnen, die Lücke zwischen
Bewegungspraxen und Theorieentwicklungen zu verringern, überwiegend erfüllt
wird.
Nichtsdestotrotz nervt hier und da der übertrieben akademische Sprachstil.
veröffentlicht in: graswurzelrevolution - 298 - April 2005