Im
Jahr 2000 ist im Unrast-Verlag das Buch AnarchaFeminismus. Auf den Spuren
einer Utopie erschienen. Das Buch gliedert sich in drei Teile, im ersten
wird das Geschlechterverhältnis und die Frauenrollen in der klassischen anarchistischen
Theorie dargestellt, im zweiten die Geschichte und die Positionen von Anarchistinnen
und im dritten Teil der Anarchafeminismus. Das Buch behandelt anarchafeministische
Ansätze der 70er und 80er Jahre, die feministischen Diskurse um den Poststrukturalismus
und die Dekonstruktion von Geschlecht (sex/gender) in den 90 Jahren werden
bis auf einige Randerwähnungen ausgeblendet. Die Debatte um die Natürlichkeit
der Geschlechtskörper und der Zweigeschlechtigkeit der Gesellschaft fanden
anscheinend innerhalb des Anarchafeminismus nicht statt oder wurden kaum oder
gar nicht in anarchistischen Publikationen veröffentlicht. Der folgende
Beitrag versteht sich somit als Ergänzung zu dem Buch von Lohschelder.
Zunächst möchte ich einige Aspekte der Debatte um die Historizität
der Geschlechtskörpers und die soziale Konstruktion von Geschlecht nachzeichnen,
um darauf die von Silke Lohschelder behandelten anarchafeministische Ansätze
auf ihr Verständnis von Geschlecht im Sinne der sex/gender-Debatte zu
betrachten.
sex und gender
Innerhalb der feministischen Theorie wird spätestens seit den 70er Jahren zwischen dem biologischen Geschlecht (sex) und dem sozialen/kulturellen Geschlecht (gender) unterschieden. Diese begriffliche Unterscheidung innerhalb des Feminismus soll darauf verweisen, daß zwischen den biologischen Gegebenheiten für Männer und Frauen und den geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen an Männer und Frauen kein kausaler Zusammenhang besteht. Die sozialen Ungleichheiten der Geschlechter können demzufolge nicht mit einer biologischen Geschlechterdifferenz begründet werden. Die Geschlechterrollen und -identitäten sind vielmehr das Ergebnis eines historischen Prozesses und damit keineswegs Ausdruck einer biologischen und damit natürlichen Geschlechterdifferenz.
Gleichheit oder Differenz
Die
Diskurse innerhalb der neuen Frauenbewegung wurden um die zwei Schlagwörter „Gleichheit“ und „Differenz“ geführt.
Die Gleichheitstheoretikerinnen verstehen die Unterdrückung von Frauen „als
Einschränkung und Beeinträchtigung ihrer Möglichkeiten durch
eine Gesellschaft, die nur die Selbstverwirklichung von Männer erlaubt“ (Young
1989, 38). Iris Marion Young bezeichnet diesen „Gleichheitsfeminismus“ als „humanistischen
Feminismus“, der aus einer Revolte gegen Weiblichkeit besteht, denn
die „patriarchale
Kultur hat Frauen eine andere weibliche Kultur zugeschrieben“ (Young
1989, 38). Ursache für die Unterdrückung von Frauen sind „nicht
die biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen, sondern die
damit verbundenen Zuschreibungen durch eine patriarchale Gesellschaft“ (Lohschelder
2000, 149). Die Gleichheitstheoretikerinnen erkennen die binäre Ordnung
an, die Menschen biologisch in Frauen und Männern teilt, doch dürfen
daraus nicht unterschiedliche Rollenerwartungen an Frauen und Männern
resultieren. Die unterschiedlichen sozialen Rollen und die Hierarchie der
Geschlechter sind Ausdruck patriarchaler Unterdrückung. Auch wenn Frauen
und Männer
als biologisches Geschlecht (sex) different sind, wird für das soziale
Geschlecht (gender) Gleichheit gefordert.
Die Theorie der Differenz basiert dagegen auf einem dualistischen Geschlechterbild.
Die Geschlechterdifferenz wird aus einer differenten biologische Körperlichkeit
hergeleitet. Männer und Frauen seien demnach unterschiedlich, nicht
nur im biologischen Sinne, sie bilden auch differente Geschlechteridentitäten
aus. Die Differenztheoretikerinnen vertreten ein spezifisches Frau-sein,
daß dazu
führt, das patriarchale Zuschreibungen umgedeutet werden, typische weibliche
Verhaltensweisen und Arbeiten sollen aufgewertet werden. Sie werfen den Gleichheitsverfechterinnen
vor, daß sie die Weiblichkeit aufgeben würden „und das originäre
Frausein insofern zum Verschwinden bringen, als sie sich an Normen, Lebens-
und Politikentwürfen, die idealtypisch auf Männer zu geschnitten
sein, ausrichten und anpassen würden“ (Rosenberger 1996, 71).
Für
die Differenztheoretikerinnen kann „das patriarchale System nur durch
einen massenhaften Entzug der Frauen, durch das Entwickeln einer weiblichen
Gegenkultur, zum Einsturz gebracht werden“ (Lohschelder 2000, 151).
Die Differenz der Geschlechter wird als irreduzible und genealogisch unhintergehbare
Differenz betrachtet. Trotzdem wird die Geschlechterdifferenz hier nicht
naturalisiert und Geschlecht zum anatomischen Schicksal erklärt. Die
Trennung in sex und gender innerhalb der Gleichheits- und Differenztheorie
bleibt der traditionellen
Dichotomie zwischen Natur und Kultur verhaftet. Auf diese Problematik weist
Donna Haraway hin:
„Feministinnen haben schon früh die binäre Logik des Natur/Kultur-Dualismus
kritisiert, aber sie dehnten ihre Kritik nicht auf die davon abgeleitete Unterscheidung
zwischen 'sex‘ und 'gender‘ aus, weil diese immer noch
zur Bekämpfung des vorherrschenden biologischen Determinismus in den
hartnäckigen politischen Auseinandersetzungen um 'Geschlechtsunterschiede‘ in
den Schulen, Verlagen, Krankenhäusern usw. tauglich war“ (zitiert
nach: Maihofer 1995, 20).
Die Trennung in sex und gender übernimmt damit die Behauptung einer natürlichen
binären sexuellen Differenz. In diesem Diskurs bleibt der geschlechtliche
Körper (sex) weiterhin der Geschichte entzogen. Gender wird in diesem
Diskurs als eine „nachträgliche“ Über-/Verformung, kulturelle
Interpretation von sex betrachtet, damit wird aber der vorherrschende Binarismus
Natur/Kultur reproduziert. Es wird von der Existenz eines natürlichen,
ursprünglichen Geschlechtskörper in gesellschaftlich-voraussetzungsloser
Form ausgegangen, dadurch wird die naturalisierende, biologistische Konzeption
von der Kategorie „Geschlecht“ nicht aufgehoben, sondern lediglich
in sex verlagert.
Die Historizität des Geschlechtskörpers
Der
aktuelle Geschlechtskörper und die binäre Ordnung
der Geschlechter ist das Ergebnis historischer Prozesse. In ihren historischen
Forschungen
haben Claudia Honegger, Thomas Laqueur und Barbara Duden aufgezeigt, wie sich
im Laufe des 18. Jahrhundert im Zuge der bürgerlich-kapitalistischen
Gesellschaftsformation eine Verschiebung im Verständnis des Geschlechts
und des Geschlechtskörpers statt gefunden hat.
Im Zentrum der Forschungen von Honegger steht die Entwicklung der Wissenschaften
von Menschen und insbesondere die Etablierung einer weiblichen Sonderanthropologie.
Die Anatomie wird zu einer Grundlagenwissenschaft innerhalb der Wissenschaften
von Menschen. Für das Verständnis von „Geschlecht“ und „Geschlechtskörper“ hat
dieser wissenschaftlicher Diskurs weitreichende Konsequenzen. Die sich entwickelnde
vergleichende Anatomie des Körpers geht davon aus, daß die Differenz
zwischen „weiblichen“ und „männlichen“ Körper
nicht nur in den Geschlechtsorganen besteht, sondern das der weibliche Körper
in jedem seiner Elemente vom männlichen abweicht. Die beiden Geschlechter
sind in diesem Diskurs nicht nur biologisch-anatomisch grundsätzlich voneinander
verschieden, sondern auch in „der Art und Weise, wie Männer und
Frauen denken fühlen, urteilen“ (Maihofer 1995, 25). Die vorherrschenden
sozialen Rollen und die Geschlechterdifferenz werden durch die Entwicklung
einer weiblichen Sonderanthropologie naturalisiert und in die Geschlechtskörper
eingeschrieben. Nach Pierre Roussel ist Frau demnach „ein Wesen für
sich, mit einer eigenen Körperlichkeit, eigenen Krankheiten, eigenen
Sitten, eigener Moral und eigenen kognitiven Fähigkeiten“ (zitiert
nach: Maihofer 1995, 26). Die anthropologische Wesensbestimmung der Frau führt
zur Konstituierung des bürgerlichen Mannes.
Laqueur geht es in seiner historischen Studien um die Inszenierung der Geschlechter
seit der Antike, um die historischen Veränderungen der Wahrnehmung zu
rekonstruieren, die zur Transformation des Ein-Geschlecht-Modell zum Zwei-Geschlecht-Modell
führten. Das Ein-Geschlecht-Modell existiert laut Laqueur im abendländischen
Kulturraum seit der Antike und wurde mit der Etablierung der bürgerlichen
Gesellschaft in ein Zwei-Geschlecht-Modell transformiert. In der Welt des Ein-Geschlecht-Modells „stellt
man sich die Vagina als inneren Penis, die Schamlippen als Vorhaut, den Uterus
als Hodensack und die Eierstöcke als Hoden vor“ (Laqueur 1996, 17).
Die Geschlechtsteile wurden als gleichförmig angesehen; Frauen und Männer
haben in diesem Welt- und Menschenbild die gleichen Genitalien, nur einmal
nach innen, das andere Mal nach außen gestülpt. Die Körperflüssigkeiten
wie Blut, Samen und Milch waren hier keine völlig verschiedene und getrennte
Dinge, aus Blut konnte sowohl Samen als auch Milch werden. Im Ein-Geschlecht-Modell
gab es nur „einen Körper, und der war männlich“ (Maihofer
1995, 29). Trotz der Vorstellung eines Körpers waren die Rollenerwartungen
an Männer und Frauen verschieden.
Wie Honegger verortet auch Laqueur den Wandel des Verständnisses des „Geschlechtskörpers“ im
18. Jahrhundert. Im Gegensatz zu Honegger sieht er die neuen Sichtweisen
des Körpers weniger in die Konsequenz eines Zuwachses an wissenschaftlichen
Erkenntnissen, der biologische Unterschied der Geschlechter wird durch die
neue Wissenschaften nicht erforscht, sondern erst erschaffen. Die neuen Erkenntnisse über
den biologischen „Geschlechtskörper“ beinhalten keine Aussagen über
den Geschlechterunterschied, denn das „Wesen des Geschlechtsunterschieds
ist empirisch nicht überprüfbar“ (Laqueur 1996, 176). In
der Sprache der Wissenschaft über die sexuelle Differenz der Geschlechtskörper
ist bereits die Sprache des sozialen Geschlechts eingelagert. Alle Aussagen über
das biologische Geschlecht sind von Anfang an mit der Kulturarbeit belastet.
Anders gesagt: „Zwei inkommensurable Geschlechter waren und sind im
selben Maß Hervorbringung der Kultur, wie es das Ein-Geschlecht-Modell
war und ist“ (Laqueur 1996, 177).
Der neue wissenschaftliche Diskurs über das biologische Geschlecht ersetzte
das soziale als eine erstrangige grundlegende Kategorie. Oder „anders
gesagt: man erfand zwei biologische Geschlechter, um den sozialen eine neue
Grundlage zu geben“ (Laqueur 1996, 173). Das Verhältnis von Frauen
und Männer ist innerhalb des biologischen Diskurses keine Frage der
Gleichheit oder Ungleichheit, sondern der Unterschiedlichkeit.
In den Arbeiten von Barbara Duden geht um die Historisierung von Körpererfahrungen.
Sie richtet sich damit gegen die immer noch „selbstverständliche
Trennung zwischen natürlichem Körper einerseits und Kultur, Gesellschaft
anderseits“ (Maihofer 1995, 34). Wie Honegger und Laqueur wendet sich
sie gegen Annahme „Körper sei etwas Geschichtsloses, immer Gleiches,
eben natürlich Gegebenes“ (Maihofer 1995, 34). Duden unternimmt
anhand von Krankenberichten und Protokollen des Eisenacher Arztes Johann Storch
eine Rekonstruktion der Wahrnehmung des Frauenkörpers um 1730. Bei diesem
Studium stellt sie wie Laqueur fest, das Frausein bis zum frühen 18. Jahrhundert
keinen körperlichen Ort hatte, an dem es eindeutig festzumachen wäre.
Aus den Krankengeschichten läßt sich erkennen, daß die Differenz
der Geschlechter als gradueller und keinesfalls als fundamentaler begriffen
wurden. Es gab keinen „allgemeinen Körper der Frau als Norm“ (Duden
1991, 140). Innerhalb dieser Auffassung des Körpers wurde selbst die Menstruation
nicht als Kennzeichen eines weiblichen Geschlechts angesehen. Menses konnten
die Männer ebenfalls haben. Sie „entlassen ... teils beinahe regelmäßig,
teils gelegentlich Blutflüsse aus verschiedenen Orten; aus der Nase,
aus der goldenen Ader, aus einer Wunde, als blutiges Spucken“ (Duden
1991, 136).
Bis ins frühe 18. Jahrhundert war das innere der Körper unsichtbar,
das Körperverständnis und seine Funktionen wurde über das, was
nach außen dringt und an der Oberfläche erscheint, enträtselt.
So war selbst die Schwangerschaft nicht wie heute eindeutig feststellbar. Beim
Ausbleiben der Menstruation konnte es sich sowohl um eine verstockte Menses
bzw. irgendeine Krankheit wie um eine Schwangerschaft handeln. Die Schwangerschaft
war somit für Frauen noch nicht die Körpererfahrung, wie sie für
heutige Frauen geworden ist.
Mit dem Entstehen der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft wandelt
sich auch für Duden das Körperverständnis, dies geschieht innerhalb
eines komplexen gesellschaftlichen Prozesses, in dem sich ökonomische,
politische und wissenschaftliche Entwicklungen verschränken. In diesem
Prozeß kommt der Medizin für Duden ein bedeutende Rolle zu: „Ohne
'der’ Medizin
die Verantwortung für 'die’ Gesundheit zuzuschreiben, konnte
es nicht zum modernen westlichen Körper kommen“ (Duden 1991, 207f).
Duden zufolge bildet sich „allmählich die Frau als der anatomisch
andere Körper heraus: die inverse Entsprechung von Mann und Frau weicht
sehr langsam einem Begriff der physiologischen Differenz, in der die Frau
physiologisch zur Mutterschaft bestimmtes Wesen“ (Duden 1991, 56) gesehen
wird. Durch diesen Prozeß bekommt das Geschlecht der Frau ein bestimmten
körperlichen Ort. Die körperliche Differenz hat ihre Grundlage in
der „natürlichen“ Bestimmung der Frau zur Mutterschaft, die
zur allgemeinen Wesensbestimmung sowie zur gesellschaftlichen Rolle der Frau
wird. Im der modernen Körperauffassung wird der „Geschlechtskörper
und seine anatomisch-physiologische Beschaffenheit (...) als etwas ein für
allemal Gegebenes angesehen, das für sich genommen keinerlei Veränderung
erfährt“ (Maihofer 1995, 38).
Die Studien von Honegger, Laqueur und Duden haben aufgezeigt, daß bis
zum frühen 18. Jahrhundert „Individuen weiblichen oder männlichen
Geschlechts waren, weil sie sozial Frauen und Männer waren, sind sie
es heute, weil sie biologisch weiblichen und männlichen Geschlechts sind“ (Maihofer
1995, 38). Diese „Entdeckung“ des biologischen Geschlechtergegensatzes
im Körper schien notwendig zu sein um die patriarchale Ordnung angesichts
der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte aufrechtzuerhalten.
Diese Forschungen haben aufgezeigt, daß die Kategorie „Geschlecht“ grundsätzlich
in Frage gestellt werden muß. Sowohl gender als auch sex müssen
als gesellschaftliches Produkt bzw. als soziale Konstruktion begriffen werden.
Wenn der natürliche Geschlechtskörper eine Fiktion ist, dann ist
sex letztendlich gender. Die Idee eine natürlichen biologischen Geschlechtskörper
(sex) muß also zurückgewiesen werden.
Die soziale Konstruktion des Geschlechts
In
den Arbeiten von Judith Butler wird Geschlecht als diskursiver Effekt und
soziale Konstruktion verstanden. Sie problematisiert in ihren
Arbeiten die
moderne substantialistische Konzeption des „Subjekts“, der „Identität“ und
des „Körpers“. Sie stellt sich die Frage:
„Wenn 'Identität’ ein Effekt diskursiver Praktiken ist, inwiefern
ist dann die geschlechtlich bestimmte Identität (gender identity) – als
Verhältnis zwischen biologischen Geschlecht (sex), Geschlechtsidentität
(gender), sexueller Praxis und Begehren verstanden – der Effekt einer
regulierenden Praxis, die als Zwangsheterosexualität identifiziert werden
kann?“ (Butler 1991a, 39)
Das Ziel von Butler ist es, die erzwungene heterosexuelle Begehrensorientierung
und die damit verbundene Geschlechterkonstruktion zu dekonstruieren und stellt
die natürliche Zweigeschlechtlichkeit in Frage. Butler geht es in ihren
Arbeiten um eine feministische Fundamentalkritik an der Unterscheidung zwischen
sex und gender. Dies führt bei Butler zu einer Dekonstruktion des Subjekts
Frauen und einer Theorie der diskursiven Materialisierung von Körpern.
Dabei bezieht sie sich einerseits auf die Arbeiten von Lacan und Foucault und
andererseits auf die feministischen Theoretikerinnen Simone de Beauvoir, Julia
Kristeva und Monique Wittig. Judith Butler gehört – wie auch Andrea
Maihofer – zu den Differenztheoretikerinnen, „die keine positive
Bestimmung des weiblichen versuchen, sondern die binären Raster der Zweigeschlechtlichkeit
auszuhebeln und das gleichmachende begriffliche Denken in Dualismen überwinden
wollen“ (Hauskeller 2000, 33). Weiterhin nimmt sie die radikale Kritik
vor allem afro- und lateinamerikanischer Feministinnen an und macht die Hinterfragung
eines kollektives feministisches „Wir“ zum Ausgangspunkt ihrer
theoretischen Überlegungen: „Die feministische Kritik muß auch
begreifen, wie die Kategorie 'Frau(en)’, das Subjekt des Femi-nismus,
gerade durch jene Machtstrukturen hervorgebracht und eingeschränkt wird,
mittels derer das Ziel der Emanzipation erreicht werden soll“ (Butler
1991a, 17). Für Butler kann die Kategorie „Frauen“ die Heterogenität,
die Differenzen unter Frauen niemals repräsentieren.
Butler begreift den Körper als eine „kulturelle Situation“ und
als „Ort kultureller Interpretati-onen ist der Körper eine materielle
Realität“ (Butler 1991b, 64). Geschlecht ist für sie „ein
bestimmte Art des Körpers anzunehmen, seinen Körper in einer bestimmten
Weise zu leben oder zu tragen“ (Butler 1991b, 61). Dieser Prozeß findet
in einem Raum mit bereits etablierten Körperstilen statt. Für Butler
heißt ein Geschlecht wählen, „gegebene Geschlechtsnormen zu
interpretieren und sie so zu reproduzieren und neu zu organisieren“ (Butler
1991b, 61). Die jeweiligen Geschlechtsnormen unterliegen aber eine historischen
Bedingtheit und sind deshalb nicht ahistorisch und universell: „Der
Körper wird zu einem spezifischen Nexus von Kultur und Wahl, und 'seinen
Körper existieren’ wird zum individuellen Weg, die gegebenen Geschlechtsnormen
aufzugreifen und zu reinterpretieren“ (Butler 1991b, 64). Das Aufgreifen
und Reinterpretieren von gegebenen Geschlechtsidentitäten ist „kein
fundierender Akt, sondern eher ein regulierender Wiederholungsprozeß“ (Butler
1991a, 213), der die Möglichkeit eröffnet die Wiederholung zu variieren,
dadurch werden Spielräume eröffnet, Übertreibung und Zuspitzungen
ermöglicht. Die Wiederholung schließt auch Neuinterpretationen mit
ein, die auch völlig neuartige und individuelle Zusammensetzungen erlaubt: „Das
Subjekt ist von den Regeln, durch die es erzeugt wird, nicht determiniert“ (Butler
1991a, 213).
Geschlecht wird bei Butler als ein komplexes Erzeugnis von regulierenden
Diskursen und den damit verbundenen Macht- und Kräfteverhältnissen verstanden.
Deshalb redet sie auch immer wieder im Bezug auf den Geschlechtskörper
von einer „Erfindung“ bzw. „Fiktion“: „Gegen
die sex-gender-Theoretikerinnen behauptet sie, daß Subjekt auch in ihrer
körperlichen materiellen Geschlechtlichkeit durchgängig performativ
produziert sind und daß es gilt, die Konstruktionsbedingungen und -faktoren
dieser Produktion zu untersuchen“ (Hauskeller 2000, 59). Für Butler
bestätigt die Unterscheidung von sex und gender die tradierte patriarchale
Mann-Frau-Teilung und richtet sich damit gegen die feministische Zielsetzung: „Butler
kritisiert, daß in dieser Vorstellung der Geschlechtskörper der
kulturellen Einschreibung von sozialer Geschlechtlichkeit stets vorgängig
bleibt. Als solcher wird der Körper als unabhängig und unberührt
von den Gesetzen gesellschaftlicher Konstitution verstanden. Er wird als materiellontologische
Basis begriffen, die im sozialen Geschlecht ihre mehr oder weniger angemessene
Repräsentation findet“ (Lorey 1996, 21f). Aus feministischer Sicht
ist deshalb sex als eine patriarchatserhaltende Denkfigur grundsätzlich
abzulehnen. Jede „Rede von Natur dient vor allem dazu, jene Zwänge,
Disziplinierungstechniken und Diskursstrategien unkenntlich zu machen, die
die alternativlose Unterwerfung, unter das Zweigeschlechtermodell in jeder
konkreten Subjektwerdung neu erzwingt“ (Hauskeller 2000, 59).
Butler geht in ihren Arbeiten davon aus, daß Geschlecht und Geschlechtskörper – also
sex und gender – als diskursive Konstruktionen zu verstehen sind, die
ausschließlich durch Sprache erzeugt werden.
Die aktuell vorherrschende hegemoniale Existenzweise der Menschen kann und
muß sich ändern, wenn wir Patriarchat und Zwangsheterosexualität überwinden
wollen. Die Dekonstruktion von sex schließt jegliches Begehren als homosexuell
bzw. heterosexuell zu qualifizieren aus, da beide Kategorien sich immer auf
eine biologische Geschlechtsbestimmung und binäre Ordnung der Geschlechter
beziehen. Der kulturell konstruierte Körper soll befreit werden, „allerdings
weder für seine 'natürliche’ Vergangenheit noch für
seine ursprünglichen Lüste, sondern für eine offene Zukunft
kultureller Möglichkeiten“ (Butler 1991a, 142).
Anarchafeminismus
Der
Begriff des Anarchafeminismus hat sich in der Mitte der 70er Jahre innerhalb
des us-amerikanischen feministischen Diskurs. Es waren
radikale Feministinnen
(1), wie Peggy Kornegger und Carol Ehrlicher, die bei ihrer Suche nach einem
politischen Gerüst für eine angestrebte feministische Revolutionierung
der Gesellschaft auf die Prinzipien des kommunistischen Anarchismus von Kropotkin
stießen. Durch die im Libertad Verlag erschienen Übersetzung einiger
us-amerikanischer Texte erreichte der anarchafeministische Diskurs die (west-)deutsche
männerdominierte anarchistische Bewegung. In feministischen Kreisen wurde
der anarchafeministische Ansatz zunächst ignoriert.
Für Kornegger und Ehrlich sind „Feministinnen natürliche Anarchisten“ (Kornegger/Ehrlich
1979, 11) und konstatieren, daß „die Verbindung des Anarchismus
mit dem Feminismus eine vollkommene Vereinigung von Prinzipien und Idealen
wäre“ (Kornegger/Ehrlich 1979, 9). Im Anarchismus finden sie, das
für sie im Feminismus fehlende Revolutionskonzept:
„Der Anarchismus gibt uns eine ökonomische Analyse, er schlägt
uns ein Organisationsprinzip vor und einen möglichen Plan für die revolutionäre
Aktion. (...) Der Anarchismus bestärkt das gefühlsmäßige
Verständnis des Feminismus nach der Notwendigkeit einer Massenbewegung
und der Revolution, die von den Massen getragen und geführt wird, anstelle
einer elitären Gruppe von Berufsrevolutionären“ (Kornegger/Ehrlich
1979, 11).
Aber nicht nur der Feminismus profitiert in den Augen der us-amerikanischen
Anarchafeministinnen vom Anarchismus, sondern auch umgekehrt der Anarchismus
vom Feminismus:
„Der Feminismus bietet den anarchistischen Männern Aufschluß über
ihr maskulines Erbe, welches ihre Emotionen und Ausdrucksfähigkeiten verkrüppelt.
Der Feminismus gibt dem Anarchismus den Sinn für das Kreisförmige,
für Verbindungen, die das existierende anarchis-tische Bewußtsein
abrunden und vervollkommnen und für die menschlichen Bedürfnisse
nach Schönheit, Freude und Ausdruck“ (Kornegger/Ehrlich 1979,
12).
Hier findet ganz in Tradition der Differenztheoretikerinnen eine „Konzentration
auf die posi-tiven Aspekte der weiblichen Kultur“ (Young 1989, 50) statt,
oder wie in meinem aus der Bibliothek ausgeliehen Exemplar des Buches diese
Stelle zu recht folgendermaßen von einer Leserin oder einem Leser kommentiert
wurde: „Frauen sind mal wieder für die Atmosphäre zuständig“.
Anarchafeministinnen kämpfen nicht nur für die Befreiung der Frauen,
sie wollen „alle unterdrückten Menschen miteinander (...) vereinigen“ (Kornegger/Ehrlich
1979, 11), um gegen alle Unterdrückungsmechanismen zu kämpfen. Ziel
ist es jegliche Form von Herrschaft abzuschaffen und zu überwinden.
Sozialer Ökofeminismus
Ein
weiterer Beitrag innerhalb des anarchafeministischen Diskurses kommt ebenfalls
aus den USA. Der soziale Ökofeminismus, der auf das
Konzept des libertären
Kommunalismus und der Sozialen Ökologie von Murray Bookchin basiert, wurde
von Janet Biehl entwickelt. Biehl geht es in ihrem sozialen ökofeministischen
Ansatz um die Möglichkeit „Anarchismus und Feminismus, libertären
Sozialismus und sozialer Ökologie zu verbinden“ (Biehl 1991, 9).
Biehl bezieht sich auf den in den USA entstandenen Ökofeminismus, den
sie sowohl kritisiert, als auch eben erweitert. Ihr Kritik ist, daß er „Frau
und Natur von der linken Theorie abstrahiert hat und sich damit selbst eingeschränkt“ (Biehl
1991, 9) hat. Der Ökofeminismus geht von eine Beziehung zwischen Frau
und „Natur“ aus und schreibt die Unterschiede zwischen Frauen
und Männern in der Tradition des Differenzfeminismus fest. Die „Frau
= Natur“-Methapher ist für sie ein Ausdruck patrizentrischer Kulturen,
die die patriarchale Unterordnung der Frau fortschreibt. Biehl wirft dem amerikanischen Ökofeminismus
vor, daß er an patriarchalen Rollenerwartungen festhält und diese
nur feministisch umdeutet. Dieser Ansatz wurde stark vom „kulturellen
Feminismus“ beeinflußt.
„Kulturelle Feministinnen, im Gegensatz zu ihren Vorgängerinnen, den
radikalen Feministinnen, betrachten Frauen nicht nur als biologisch vom Mann
verschieden,
sondern ordnen Frauen und Männern auch unterschiedliche Wesensmerkmale,
Werte, sogar kosmologische Bestimmungen zu. Die Begrifflichkeiten von 'männlicher‘ und
'weiblicher Natur‘ erinnern kurioserweise an die Vorstellung von 'Männlichkeit‘ und
'Weiblichkeit‘ in
vielen patrizentrischen Kulturen, die radikale Feministinnen stets vehement
bekämpft haben“ (Biehl 1991, 11).
Die ökofeministischen Autorinnen, die von diesem „kulturellen Feminismus“ beeinflußt
wurden, schreiben den Frauen ebenfalls eine größer Nähe zur „Natur“ zu
als den Männern. Eine ökologische Gesellschaft wird hier durch die
Forcierung „weiblicher“ Werte in einer Frauen und Natur verachtenden
Gesellschaft erreicht. Ökofeministinnen gehen z.B. von einer besonderen
Befähigung und Verantwortung der Frauen zur Rettung des bedrohten Lebens
auf der Erde vor der ökologischen Katastrophe aus. Dadurch wird den Frauen
innerhalb dieses ökofeministischen Ansatzes „die moralische Aufgabenstellung,
die Gesellschaft vor der Zerstörung zu 'retten‘, die ihr
Männer in der Vergangenheit antaten“ (Biehl 1991, 12). Neben diesen
Vorstellungen von „Frau“ und „Weiblichkeit“ wirft Biehl
dem Ökofeminismus vor, nicht alle Formen von Unterdrückung und
Ausbeutung zu sehen.
„Frauen und Natur sein nicht die einzigen Unterdrückten, und es komme einer
Verharmlosung des Kapitalismus und des Etatismus gleich, zu behaupten, eine
Rückführung der Gesellschaft in matriarchale Zeiten würde eine Überwindung
jeglicher Hierarchie entsprechen. Eben dies wird Biehl aber den Ökofeministinnen
vor“ (Lohschelder 2000, 163).
Trotz der Kritik bleibt für Biehl die Verbindung von Feminismus und Ökologie
wichtig. Für ein revolutionären Ansatz müssen ökofeministische
Inhalte mit einer Kritik des Kapitalismus und des Nationalstaates verbunden
werden. Die Verbindung nennt Biehl „Sozialer Ökofeminismus“.
Die Wurzeln eines linken ökologischen Feminismus sieht Biehl im radikalen
Feminismus, da dieser „eine konkrete, materialistische, soziale feministische
Analyse“ (Biehl 1991, 14) entwickelt hat. Er hatte versucht, „die
sozialen Institutionen und Strukturen zu eruieren, welche über Ideologie
oder gesellschaftliche Frauen daran hinderten, das ganze Potential ihrer Humanität
zu entfalten“ (Biehl 1991, 14). Da der radikale Feminismus die patriarchale
Herrschaft als die ursprüngliche Form der Unterdrückung sieht, kann
er sich als universelle emanzipatorische Theorie präsentieren. Die Befreiung
der Frauen von ihren Geschlechterrollen bedeutet somit auch die Befreiung
der Männer vor ihren entsprechenden Rollen, „was exakt die Emanzipation
der Männer bedeuten würden. (...) In diesem Sinne ist der Feminismus
tatsächlich für Männer befreiend“ (Biehl 1991, 15).
Auch Biehl beschäftigt eine der zentralen Frage des Feminismus nach dem
Wesen des Unterschiedes zwischen Mann und Frau. Sie kritisiert sowohl die
Position, die aus biologischen Unterschieden eine „weibliche Natur“ ableiten,
als auch die Position, die alle Unterschiede als sozial bedingt ansieht.
„Ein sozialer Ökofeminismus erkennt biologische Unterschiede zwischen den
Geschlechtern an, besonders die offensichtlichen Unterschiede in der Reproduktionsfähigkeit:
Frauen menstruieren, werden schwanger, gebären und stillen. Ebenso sind
Frauen, im ganzen gesehen, nicht so groß und schwer wie die männlichen
Angehörigen ihrer Gruppe. Viele Frauen sind physisch schwächer und
fürsorglicher sowie hilfsbereiter als viele Männer. In welchen Ausmaß diese
und andere Unterschiede jedoch erworben oder angeboren sind, ist unklar. Deshalb
müssen wir in dieser Frage eine offene Position vertreten“ (Biehl
1991, 19).
Für Biehl gerieten die biologische Unterschiede zwischen Frauen und Männer unter der männlichen Dominanz zum Nachteil der Frauen. Durch die vorherrschenden Geschlechterrollen werden Frauen so behindert, „daß ihnen alle Möglichkeiten eröffnet werden müssen, all ihre Fähigkeiten zu entwickeln“ (Biehl 1991, 19) und werden daran gehindert, „ihre menschliche Natur voll auszuleben“ (Biehl 1991, 19). Dies geschieht durch die „Mystifizierung und Festschreibung biologischer Unterschiede zu einem 'männlichen‘ und einem 'weiblichen‘ Wesen“ (Biehl 1991, 19). Deshalb fordert der Soziale Ökofeminismus, „daß Frauen ihre intellektuellen, moralischen, sexuellen und sinnlichen Fähigkeiten ausleben können, deren Existenz ebenso eine biologische Tatsache ist“ (Biehl 1991, 19). Biehl konstatiert, „daß zwischen den Geschlechter biologische Unterschiede existieren, – egal welchen Ursprungs – muß das noch lange nicht zu Geschlechtshierarchien und Herrschaft führen“ (Biehl 1991, 20).
Ort der Differenz
Ein
weiterer anarchafeministischen Ansatz, stammt von Rosella Di Leo aus Italien.
Auch Di Leo bezieht sich – wie schon Kornegger,
Ehrlich und Biehl – auf
den radikalen Feminismus. Sie stellt die Notwendigkeit eines anarchistischen
Standpunktes zu feministischen Fragen heraus. Di Leo bezieht ebenfalls sich
auf die Soziale Ökologie von Murray Bookchin, „durch die die Verwandtschaft
der Herrschaft vom Menschen über Menschen mit der von Menschen über
die Natur aufgezeigt werde“ (Lohschelder 2000, 143). In ihrer Patriarchatskritik
befaßt sie sich nicht nur mit der patriarchalen Rollenfestlegung, sondern
macht sich auf die Suche nach ihren Ursprüngen (vgl. Di Leo 1987). Di
Leo geht davon aus, da vor der Entstehung patriar-chaler Gesellschaften egalitäre
bzw. matrizentrische Gesellschaften existiert haben. Die patriarchale Unterdrückung
von Frauen ist für sie kein Ausdruck irgendeiner Natur, sondern das Produkt
von kulturellen Prozessen und damit veränderbar. Obwohl Di Leo den Ursprung
der „sexuellen Asymmetrie“ in der Kultur verortet, hält
auch sich an der biologischen Differenz der Geschlechter fest:
„Tatsächlich ist die biologische Tatsache an sich neutral, sie nimmt
einen positiven, sie nimmt einen positiven oder negativen Wert nur im Rahmen
eines
kulturellen Wertesystems an. Das bedeutet nicht, daß die Bedeutung der
biologischen Faktors geleugnet werden soll, er charakterisiert und unterscheidet
die Geschlechter, aber er entscheidet nicht über ihr soziales Verhalten“ (Di
Leo 1987, 25).
Sie gesteht jedoch ein, „daß wir den biologischen Unterschied lediglich
durch seine Repräsentation (klar willkürlich) wahrnehmen können“ (Di
Leo 1992, 49). Die biologische Geschlechterdifferenz sagt aber nichts über
die Geschlechterrollen und ihrer Hierarchisierung aus: „Das biologische
Geschlecht ('sex‘) tränkt das soziale/kulturelle Geschlecht
('gender‘) aber bestimmt es nicht“ (Di Leo 1992, 49). Für
Di Leo sind die Kategorien „weiblich“ und „männlich“ kulturelle
Konstruktionen, die jede Gesellschaft auf der Basis ihrer eigenen Interpretation
der Welt entwickelt hat.
„Diese Konstruktionen werden prinzipiell um die Rollen herum geformt, die
jede Gesellschaft den Geschlechtern zuweist und die Quelle jenes besonderen Verhaltens,
Haltungen, Gefühlen und Sensibilitäten sind, die zu der Formung der
Geschlechtsidentität beitragen. Die gesellschaftliche Arbeitsteilung
ist daher für die Entwicklung des Geschlechts ('gender‘) fundamental,
gerade wie sie es für die Gesellschaft überhaupt ist“ (Di
Leo 1992, 49).
Wenn Di Leo die patriarchale Geschlechterhierarchie mit ihren kulturell hervorgebrachten
Geschlechterrollen kritisiert und zurückweist, geht es ihr nicht darum
die Geschlechtsunterschiede generell zu negieren.
„Geschlechtsunterschiede sind sowohl möglich wie wünschenswert,
solange sie auf Kriterien basieren, die sich von der bipolaren Herrschaftslogik,
die
Rollenteilung in eine Rollenhierarchie transformiert, unterscheiden. Eher
ist es nötig, sich in Richtung eines Kriteriums sozialer und symbolischer
Gleichwertigkeit zu bewegen, die viel größere Unterscheidungen erlauben
kann und dennoch spezifische Rollen beibehält, um die herum die Geschlechter
ihre eigenen Identität konstruieren können“ (Di Leo 1992,
50).
Es geht ihr aber nicht nur um die Überwindung der angeblich „natürlichen“ weiblichen
und männlichen Geschlechterrollen, sondern auch um eine Neubewertung von
Differenz, die eine Neubewertung von „Abweichungen“ mit einschließt.
„Die Neubewertung des 'Abnormen‘ (normal in seiner statistischen
Bedeutung 'maximaler Häufigkeit‘ und nicht im ethischen Sinne
von 'richtig‘) und von Abweichung (nicht mehr betrachtet als Unordnung
sondern legitimer Ausdruck sozialer Verschiedenheit) wird uns erlauben, Differenz
als gegeben und als einen Wert darzustellen, nicht nur zwischen den Geschlechtern
sondern auch innerhalb derselben, und jenen falschen Universalismus zurückzuweisen,
den die Geschlechtsstereotypen postulieren“ (Di Leo 1992, 50).
Aufgrund dieser „natürlichen“ Differenz hat die Kultur die
Aufgabe diese Vielförmigkeit so-wohl Wert als auch Bedeutung zu geben.
Die Kultur muß „daher nicht nur die Differenz in ihr Universum
einschließen, sondern kann und muß die Differenz erfinden“ (Di
Leo 1992, 51). Für Di Leo ist dies der „Ort“, in dem die Unverkürztheit
der Differenz liegt: „in der Sphäre der kulturellen Plastizität
unserer Spezie, die fähig ist, Vielförmigkeit zu reproduzieren, die
Sphäre kreativer Imagination, die fähig ist neue Formen zu erfinden“ (Di
Leo 1992, 51). Es geht ihr darum, daß die Kategorien von weiblich und
männlich auf der Basis eine nicht-hierarchischen Kultur formuliert werden.
Für die italienische Anarchistin und Feministin Maria Matteo sind wie
bei Di Leo die festgelegten Geschlechterrollen der Ansatzpunkt ihrer Kritik.
Die verschiedenen Rollen, die Menschen im Verlauf ihres Lebens erproben können,
sind sehr begrenzt und zu dem in weiblich und männlich aufgeteilt.
„Genau hier biete sich der Raum für einen libertären Feminismus,
der von einer Differenzierung der Menschen nach Geschlechtern zum Individuum
führe.
Dieses gilt dabei nicht als ein Wesen, das befreit werden muß, sondern
als eine Hypothese, die es erst noch zu schaffen gilt. Spielerisch sollen
Frauen und Männer die eigene sexuelle Identität in verschiedenen
Rollen ausprobieren können und dadurch die Starrheit der Geschlechterrollen
aufbrechen. (...) Beide Geschlechterrollen sollen dekonstruiert werden und
nicht stattdessen
der keineswegs neutralen westlichen Kultur ein 'weibliches Denken‘ entgegengesetzt
werden“ (Lohschelder 2000, 145).
Gender trouble bleibt aus
Die
hier vorgestellten Ansätze stammen alle aus den 70er
und 80er Jahren, in den 90er Jahren war der feministische Diskurs von der
Auseinandersetzung
um poststrukturalistische und dekonstruktivistische Ansätze geprägt.
Ob dieser Diskus Eingang in den Anarchafeminismus gefunden hat, kann ich nicht
beurteilen, es sind mir auf jeden Fall keine bekannt. Es ist aber nicht allein
die Aufgabe von Anarchistinnen und Anarchafeministinnen diesen Diskurs zu führen
und ihn in die anarchistische Debatte hineinzutragen, denn schließlich
geht es ja auch um die Befreiung der Gesellschaft von den Männlichkeiten.
Die Konstruktion und „Erfindung“ von Männlichkeiten und
Weiblichkeiten sind nicht voneinander zu trennen.
Im Sinne von Gender Trouble scheint mir der Ansatz vom Matteo, der von Silke
Lohschelder leider nicht ausführlicher dargestellt wurde, am weitgehendsten
zu sein. Hier taucht Ansatzweise eine Vorstellung von anarchi(sti)scher Individualität
jenseits von Geschlechtsidentität und bipolaren Geschlechterordnung auf,
die eine Grundlage für einen Anarchafeminismus oder post-feministischen
Anarchismus (2) sein könnte. Alle andere Ansätze halten an der bio-logischen
Differenz der Geschlechter fest. Sie halten an einem natürlichen Geschlechtskörper
(sex) fest und hinterfragen nur die patriarchalen gender-Erwartungen. Doch
ohne eine Dekonstruktion des Geschlechts – sex und gender – und
der Überwindung der Zweigeschlechtlichkeit der Gesellschaft ist die Überwindung
von Patriarchat und Zwangsheterosexualität und die Entstehung einer anarchi(sti)schen
Individualität jenseits geschlechtlicher und sexueller Identitäten
unmöglich.
Anmerkungen
(1) „Radikalfeministinnen betrachten die biologische Differenz als Ursprung
aller Unterdrückung der Frau. Auch verstehen sie das Patriarchat (...)
als dasjenige Phänomen, das die Bedingungen jegli-cher weiterer Unterdrückungsmechanismen
und Ausbeutungsformen schuf. Radikalfeministinnen schreiben den Männern
Frauenhaß und Angst vor Frauen zu (Misogynie) und sie setzen uns Frauen
der Natur gleich. Weiterhin gegen die Radikalfeministinnen davon aus. daß Männer
versuchen, Frauen und Natur für ihre Zwecke ausnützen (...): Die
Annahme, daß Frauen der Natur näherstünden als Männer,
ist integraler Bestandteil (des Radikalfeminismus, d. S.L.). Da das Patriarchat
die Urform aller menschlichen Unterdrückung darstellt, argumentieren Radikalfeministinnen,
müßten alle Unterdrückungsmechanismen ihre Kompetenz verlieren,
wenn das Patriarchat erst einmal ab-geschafft ist“ (Ynestra King zitiert
nach: Lohschelder 2000, 153). Der radikale Feminismus orientiert sich an
die Analyse der Geschlechterdifferenz.
(2) Rosella Di Leo unterscheidet zwei Positionen innerhalb des Anarchismus: „auf
der einen Seite den Anarcha-Feminismus und auf der anderen Seite, was ich post-feministischen
Anarchismus nenne. Die Differenz besteht im folgenden: der post-feministische
Ansatz ist ein Anarchismus, der die grundsätzlichen Erträge der feministischen
Bewegung integriert, indem er in den zwischen-menschlichen Beziehungen die
nicht-hierarchischen Prinzipien schon jetzt anwendet. Dies halte ich für
wichtig. Der Anarchismus, der diese Prinzipien erdacht und reflektiert hatte,
war nicht in der Lage, diese gleichzeitig in die Welt umzusetzen. Was den Anarcha-Feminismus
angeht, so legt er den Schwerpunkt auf dem Begriff 'Feminismus‘:
d.h. daß er den Schlüssel zur ganzen Problematik in der sexuellen
Hierarchie sieht – als ausdrückliches 'Prinzip der Welt‘“ (Di
Leo 1988, 34).
Literatur:
Biehl, Janet: Der soziale Ökofeminismus und andere Aufsätze, Grafenau
1991
Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt am Main 1991a
Butler, Judith: Variationen zum Thema Sex und Geschlecht. Beauvoir, Wittig
und Foucault. In: Nunner-Winkler, Gertrud (Hrsg.): Weibliche Moral. Die Kontroverse
um eine geschlechtsspezifische Ethik, Frankfurt am Main/New York 1991b
Butler, Judith: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts,
Frankfurt am Main 1997
Di Leo, Rosella: Der Ursprung des Nils oder Auf der Suche nach dem Ursprung
männlicher Herrschaft. In: Schwarzer Faden Nr. 26 – 4/1987
Di Leo, Rosella: Libertärer Feminismus – Ein Ansatz, der noch ausgearbeitet
werden muß. Interview von RedakteurInnen von Le Monde Libertaire. In:
Schwarzer Faden – Sondernummer Feminismus 1988
Di Leo, Rosella: Ort der Differenz. Betrachtungen zur Geschlechtsdiversität
(„gender diversity“). In: Schwarzer Faden Nr. 41 – 1/1992
Duden, Barbara: Geschichte unter der Haut, Stuttgart 1991
Hauskeller, Christine: Das paradoxe Geschlecht. Unterwerfung und Widerstand
bei Judith Butler und Michel Foucault, Tübingen 2000
Honegger, Claudia: Die Ordnung der Geschlechter. Die Wissenschaften vom Menschen
und das Weib, 1750-1850, Frankfurt am Main 1991
Kornegger, Peggy / Ehrlich, Carol: Anarcha-Feminismus, Berlin 1979
Laqueur, Thomas: Auf dem Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter
von der Antike bis Freud, München 1996
Lohschelder, Silke (Hrsg.): AnarchaFeminismus. Auf den Spuren einer Utopie,
Münster 2000
Lorey, Isabell: Immer Ärger mit dem Subjekt. Theoretische und politische
Konsequenzen eines juridischen Machtmodells: Judith Butler, Tübingen
1996
Maihofer, Andrea: Geschlecht als Existenzweise. Macht, Moral, Recht und Geschlechterdifferenz,
Frankfurt am Main 1995
Raab,
Heike: Foucault und der feministische Poststrukturalismus, Dortmund 1998
Rosenberger, Sieglinde: Geschlechter, Gleichheiten, Differenzen, Wien 1996
Young, Iris Marion: Humanismus, Gynozentrismus und feministische Politik.
In: List, Elisabeth / Studer, Herlinde (Hrsg.): Denkverhältnisse. Feminismus
und Kritik, Frankfurt am Main 1989