An nicht wenigen Käferhecks und Entenkofferräumen klebte
in den 80er Jahren dieser Slogan: „Ein Tag, an dem Du nicht lächelst,
ist ein verlorener Tag“, dazu ein typisierter Charlie Chaplin in Schwarzweiß.
Das hippieeske Motto fand mein Contra in dem trotzigen „Ein Tag, an dem
Du nicht lächelst, ist ein ehrlicher Tag“, dazu ein Bild von Buster
Keaton, dem anderen, als Kind geschundenen, niemals lächelnden Hollywood-Komiker.
Darunter ein Zitat aus der Dialektik der Aufklärung: „Vergnügtsein
heißt Einverstandensein“. [1]
Es hat eine ganze Reihe individueller Versuche gegeben, die sozialphilosophischen
Vorgaben Adornos umzusetzen. In ihrer Mehrzahl bestanden sie paradoxer Weise
wohl darin, auf die Unmöglichkeit von Praxis hinzuweisen und beschränkte
sich im wesentlichen sich auf die immer kleiner werdende Community studentischer
Adorniten, die sich in der Nachahmung seines Schreibstils ergingen.
Eins zu eins sei jetzt vorbei, sangen Tocotronic 2002, und das galt wohl schon
damals, hatte Adorno sich doch gegen eine irgendwie unmittelbare Umsetzung seiner
Gedanken immer verwahrt. Im beschädigten Leben musste zunächst wieder
gedacht werden. Am 11.September 2003 wäre der Philosoph, Soziologe, Literatur-
und Musikkritiker Theodor W. Adorno hundert Jahre alt geworden. Wäre er
nicht 1969 gestorben, schwer an der Enttäuschung tragend, die die Studentenbewegung
in ihm ausgelöst hatte. Ihre VertreterInnen hatten ihm einen Mangel an
Aktivismus vorgeworfen, eine der meist erzählten Anekdoten aus dem Frankfurter
Institut für Sozialforschung ist sicherlich diese: Der Professor ruft die
Polizei gegen die Institutsbesetzung durch Studierende. Dabei schien das Dutschke-Wort,
Geschichte sei machbar, nur die Konsequenz zu sein aus der Kritik an der Naturalisierung
gesellschaftlicher Verhältnisse, die die Frankfurter Schule lehrte. Und
der studentische Aktionismus wiederum kam als die Umsetzung des Wortes in die
Tat daher.
Adorno selber aber glaubte, „dass der Aktionismus wesentlich auf die Verzweifelung
zurückzuführen ist, weil die Menschen fühlen, wie wenig Macht
sie tatsächlich haben, die Gesellschaft zu verändern“. [2] Seine
Philosophie ist alles andere als ein Aktionsprogramm zur Abschaffung dieser
Verzweifelung, vielmehr ist sie ein Aufzeigen von Unmöglichkeiten. Im Angesicht
der Totalitarismen des Jahrhunderts, insbesondere der Gräuel des Nationalsozialismus,
hatte er in den frühen vierziger Jahren mit Max Horkheimer die Dialektik
der Aufklärung verfasst. Breit diskutiert erst in der Studentenbewegung,
hatten sie diese nicht voraussehen können. Die Bedingungen, die Auschwitz
ermöglicht hatten, bestanden in den Augen der Kritischen Theoretiker fort
und daher rührte jene Skepsis gegenüber der spontanen Aktion, in der
Adorno tendenziell immer den Terror der SA-Horden vor sich sah. Abscheu gegen
Gewalt in Praxis und Struktur der Gesellschaft war eine zentrale Motivation
seines Denkens.
Dass die Kulturindustrie nicht nur die Verlängerung der Arbeit unterm Spätkapitalismus
bewerkstelligen würde, sondern in einer bestimmten historischen Situation
auch gegen Manipulation und verordnete Passivität emanzipatorische Potenziale
freisetzen konnte, wie um 1968 mittels Rock- und Popmusik geschehen, diese Möglichkeit
sah Adorno nicht. Darauf hat die Popkritik hingewiesen, und als Antwort darauf
sind gewissermaßen auch die Cultural Studies zu verstehen. Dabei gehörte
es zu den wichtigsten Ausgangspunkten seines Denkens, sich die Geschichte nicht
als quasi-natürliche, nicht zu revidierende Faktensammlung entgegenkommen
zu lassen, als Sachzwang, wie man heute sagt.
Dass die Menschen in Deutschland Demokratie als System unter anderen erführen,
das aus einer abstrakten Wahl für oder gegen Monarchie, Kommunismus, Faschismus,
etc. getroffen werde, und nicht als Ausdruck für die Mündigkeit der
Bevölkerung, stellte Adorno 1959 in den Mittelpunkt seiner Problematisierung
der unaufgearbeiteten Vergangenheit. Letztlich sei neben dieser Kategorienhörigkeit,
der Starrheit und Knorrigkeit überhaupt „mangelnde Fähigkeit
zu Erfahrung“ die Grundvoraussetzung für den autoritären Charakter.
[3] Hier könnte und müsste sich also die Aktualität antiautoritärer
Haltung erweisen, die selbstredend nicht nur Adornos impliziten Einfluss auf
Soziale Bewegungen, sondern auf den ganzen undogmatischen Marxismus der Nachkriegszeit
und selbst auf poststrukturalistische Philosophie widerspiegelt.
Die Sperrigkeit seiner Philosophie gegen die Ableitung konkreter Handlungsansätze
sollte politische AktivistInnen aber nicht schrecken. Ganz im Gegenteil halten
seine philosophischen und soziologischen Analysen das Zeug bereit, dass als
Grundlage jeder auf Befreiung zielenden Aktion dienen könnte. Denn auf
Kritik, selbst auf Zweifel, sollte auch die nicht verzichten.
Adornos Skepsis findet immer wieder Gegenstände, an denen sie angebracht
und an die sie anzubringen ist: Kaum in den Regierungssesseln, führten
„die 68er an der Macht“ – wie die Neue Mitte interpretiert
wurde – gleich einen Krieg und rechtfertigten ihn mit Adornos Diktum,
dass Auschwitz nicht sich wiederholen dürfe. Die Bomben auf Belgrad mit
dem Philosophen zu legitimieren, der sich und seines Gleichen angesichts des
Holocaust kurzzeitig sogar das Dichten verbat, konnte nur unter Absehung des
von Adorno stets geführten Kampfes gegen Herrschaftsverhältnisse plausibel
erscheinen. Dass er angesichts der Militärdiktatur in Griechenland 1969
dem Spiegel zu Protokoll gab, hier „selbstverständlich jede Art von
Aktion (zu) billigen“ [4], lässt sich so keinesfalls auf von Regierungen
geführte Angriffskriege übertragen. Denn die Identifikation mit dem
Bestehenden, Gegebenen, „der Macht als solcher“ war für Adorno
der Ursprung totalitären Potenzials. [5]
Von den Artikeln, Büchern und der Ausstellung im Frankfurter Kunstverein
abgesehen, die zum Todestag organisiert werden, ist das Denken Adornos so gut
wie verschwunden aus Zeitkritiken und Seminarräumen. Zwar haben sich einzelne
Formulierungen eingebrannt in das kulturelle Gedächtnis, und Zitate schmücken
nach wie vor Texte in Feuilleton und Kunstkritik. Die fundamentale Kritik am
Kapitalismus aber, das Denken gegen den Primat der ökonomischen Verwertbarkeit,
droht im Zuge des Kulturkrieges gegen „linke Ideologien“, gegen
„1968“ und so genanntes „altes Denken“ entsorgt zu Angesichts
einer Hegemonie neoliberaler Ideologie, die genau jene Naturalisierung zum Inhalt
hat, gegen die Adornos Denken angetreten und gerichtet war, hat er sicherlich
mehr an Anwendung verdient, als – um diesen Text auch mit zeitgenössischen
Fortbewegungsmitteln zu schließen – als Namensgeber für den
ICE zwischen Frankfurt a.M. und Stuttgart HBf zu fungieren.
1 Adorno, Theodor W. und Max Horkheimer: Dialektik der Aufklärung.
Philosophische Fragmente,
Frankfurt a.M. 1990, S.153.
2 Adorno, Theodor W., Gesammelte Schriften, Bd.20, 1, Frankfurt a.M. 1997, S.405.
3 Adorno, Theodor W.: Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, in: ders.:
Eingriffe. Neun
kritische Modelle, Frankfurt a.M. 2003, S.125-146, hier S.130 bzw.133.
4 Zitiert nach Behrens, Roger: Adorno-ABC, Leipzig 2003, S.99.
5 Adorno, Theodor W.: Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, in: ders.:
Eingriffe. Neun
kritische Modelle, Frankfurt a.M. 2003, S.125-146, hier S.139.