Postanarchismus
Der klassische Anarchismus ist nicht passé, bedarf
aber angesichts theoretischer Entwicklungen und veränderter Verhältnisse
einiger Revisionen. Eine Skizze.
von OsKar Lubin
„Postanarchismus?“, scherzte ein befreundeter Traditionsanarchist,
dabei könne es sich ja nur um anarchosyndikalistisch organisierte BriefträgerInnen
handeln. Doch er liegt falsch.
Die Angst, mit der Vorsilbe „Post-“ alle Errungenschaften des sich daran Anschließenden
für endgültig vorüber und die damit verbundenen Ansprüche
für überholt zu erklären, hatte auch schon die Debatte um die
Postmoderne geprägt. Allerdings verweist das Präfix, ähnlich
wie bei postmoderner Philosophie oder postkolonialer Kritik, keinesfalls auf
ein für alle mal Vergangenes. Es geht um Revisionen, Erneuerungen, um Brüche,
aber auch um Kontinuitäten.
Die Debatte um den Postanarchismus hat im deutschsprachigen Raum kaum begonnen.
(1)
Dabei sind die Menschen- und Weltbilder, die in den klassischen Texten des Anarchismus
vertreten werden, oft nicht mehr anschlussfähig an heutige Theorie und
Praxis. Herrschaft organisiert sich im postfordistischen Kapitalismus anders
als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als ein großer Teil
dieser Texte geschrieben wurde, und auch anders als zu Zeiten der Spanischen
Revolution (1936), als der Anarchismus sich erstmals in einer modernen Industriegesellschaft
als Massenphänomen kurzzeitig durchsetzen konnte. Nach einem Wiederaufleben
libertärer Ansätze um 1968 („Neoanarchismus“), das bereits eine Abkehr
von der Konzentration auf Klassenkämpfe war, lag die anarchistische Theorieentwicklungen
lange Zeit brach (von Ausnahmen abgesehen).
In Reaktion auf die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen des
Postfordismus, oder der neoliberalen Ära, haben einige TheoretikerInnen
versucht, anarchistische Ideen an poststrukturalistische, postkoloniale, postoperaistische
und (post)feministische Diskurse anzuschließen. Die Infragestellungen
des Subjekts der Aufklärung und kollektiver Identitäten halten die
postanarchistischen DenkerIn¬nen jedoch nicht davon ab, sich nach wie vor
um radikale politische Praxis zu bemühen.
Warum Revisionen?
Warum sollten überhaupt Revisionen am Anarchismus vorgenommen werden? Dafür
lässt sich auf zwei Ebenen argumentieren: Erstens gibt es neue Erkenntnisse,
die Theorie hat sich weiter entwickelt aber auch die Praxis sozialer Bewegungen
macht bestimmte, frühere Gewissheiten fragwürdig. Und zwar die, die
sich an Grundsätzen und Werten der Moderne orientieren.
Zweitens haben sich die Verhältnisse verändert, Herrschaft ist anders
organisiert und strukturiert als noch vor 150 Jahren und deshalb muss sich auch
die Herrschaftslosigkeit (Anarchie) auf andere Arten und Weisen gestalten. Postanarchistische
Ansätze versuchen nun, auf beiden Ebenen traditionelle Anarchismen zu reflektieren
und zu kritisieren, ohne sie vollends zu verwerfen.
Anarchismus und moderne Grundsätze
Auf der ersten Ebene nennt nun Jürgen Mümken (2005: 16ff.) vor allem
drei wichtige Ergänzungen/Revisionen, die am Anarchismus und dessen Bindung
an die Moderne vollzogen werden müssten: Erstens müsse die Trennung
von Staat und Gesellschaft, die jedem liberalen Politikkonzept (und insofern
auch dem radikalisiertem Liberalismus der Anarchie) zu Grunde liegt, verabschiedet
werden:
Denn der Staat ist kein homogener, repressiver Klotz, der der als heterogen
und frei vorgestellten Gesellschaft gegenüber stünde. Vielmehr ist
der Staat ein gesellschaftliches Verhältnis, also gibt es auch kein „unschuldiges“
Gegenüber. Zweitens sei die an Jean-Jacques Rousseau angelehnte Vorstellung
von der „guten Natur“ des Menschen oder der von Pjotr Kropotkin behaupteten
angeborenen „gegenseitigen Hilfe“ aufzugeben.
Denn solche ontologisch wertenden – auf ein vermeintliches „Sein“ bezogenen
und dies beurteilenden – Aussagen fußen auf nichts, sie sind nichts als
unbeweisbare Annahmen. Und sie drehen letztlich nur die negativen Bilder von
Thomas Hobbes („Der Mensch ist des Menschen Wolf“) oder Charles Darwin („Survival
of the fittest“) um, ohne aber die dichotomischen (d. h. zweigeteilte, letztlich
schwarz-weiß malende) Struktur dieser Behauptung in Frage zu stellen.
Drittens müsse der Glaube an Fortschritt und Technik aufgegeben werden,
der auch und gerade die Schriften von Michail Bakunin und Kropotkin geprägt
hat. Beide binden ihre Gesellschaftsmodelle strikt an Fortschrittsglauben und
„Naturgesetze“. Damit klammern sie nicht nur die innere Verschränktheit
von Macht und Wissen aus, die Michel Foucault beschrieben hat. Sie vernachlässigen
auch die politisch ausschließenden Konsequenzen des Fortschrittsglaubens,
der z.B. indigene Lebensweisen abwertet, wie auch dessen ökologische Folgen.
Viertens, ließe sich Mümken ergänzen, muss das Subjektverständnis
des Anarchismus in Frage gestellt werden.
Von Michel Foucault über Judith Butler bis Giorgio Agamben sind sich als
„postmodern“ klassifizierte TheoretikerInnen einig:
Das Subjekt ist nicht einfach aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit
zu befreien und dann in der Lage, anderen auch zur Befreiung zu verhelfen (wie
es die Aufklärung vorsah). Es ist stattdessen immer schon auch ein Unterwerfendes
und ein Unterworfenes. Auf individueller Ebene ist das moderne ein unterworfenes
Subjekt durch die „heterosexuelle Matrix“, die Judith Butler beschrieben hat.
In einem Satz bedeutet dies, dass der Zusammenhang von körperlichem Geschlecht,
sozialem Geschlecht und sexuellem Begehren zwangsweise hergestellt ist.
Noch einfacher formuliert: Mit einem Frauenkörper den Haushalt zu machen
und Männer zu lieben beruht auf struktureller Gewalt. Diese Struktur aufrecht
zu erhalten ist wiederum eine permanente (Selbst)Unterwerfung.
Auf kollektiver Ebene ist das Subjekt unterworfen und unterwerfend, weil es
sich nur über Ausschlüsse formieren kann.
Selbst die reflektierteste und strategischste Identitätspolitik kommt nicht
ohne dieses Dilemma aus, andere ausschließen zu müssen. Und zu Zeiten
der Aufklärung war Identitätspolitik ja nicht einmal als solche, partikulare
Politik benannt, sondern trat universalistisch auf: Das kollektive Subjekt der
Aufklärung tat/tut so, als wäre es „die Menschheit“, war/ist aber
männlich, christlich, weiß (und schließt folglich Frauen, Juden,
Schwarze etc. aus).
Die allgemeinen Rechte, die mit seiner Vorstellung verbunden und an sie geknüpft
sind, basierten immer schon auf dem Ausschluss der Anderen. Sie stellten jeweils
ein Außen dar und gegen sie konnte bzw. musste sich abgegrenzt werden.
Das hat auch der klassische Anarchismus nicht reflektiert. Wo der Anarchismus
sich an der Aufklärung orientiert und auf ihr Subjekt setzt, muss er also
– gemessen an seinem eigenen Anspruch einer herrschaftsfreien Welt! – erneuert,
revidiert, überarbeitet werden.
Anarchismus und postmoderne Verhältnisse
Auf der zweiten Ebene entsteht die Notwendigkeit, den Anarchismus zu überdenken,
aus den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen: Aus verlorenen Kämpfen
und veränderten Produktions- und Reproduktionsregimen. Geht es um das individuelle
Subjekt und dessen Handlungsfähigkeit, muss beispielsweise zur Kenntnis
genommen werden, dass zentrale Begriffe und Konzepte, die früher als befreiend
galten und für emanzipatorisch gehalten wurden, unter postfordistischen
Bedingungen in Herrschaftstechnologien eingespannt sind: Selbstverantwortung,
Selbstbestimmung, Autonomie sind z. T. zu wesentlichen Mechanismen gegenwärtiger
Arbeitsregime geworden.
Der neoliberale Kapitalismus braucht nicht mehr den/die gehorsame/n MassenarbeiterIn
des fordistischen Zeitalters, sondern selbstständige Subjekte mit all ihrer
Kreativität und flache Hierarchien.
Geht es um das kollektive Subjekt als Träger gesellschaftlicher Veränderung
– einst „revolutionäres Subjekt“ genannt –, müssen ebenfalls frühere
Ansätze reflektiert werden: Torsten Bewernitz (2005: 70ff.) z.B. hält
nicht nur die von dogmatischen MarxistInnen favorisierte Vorstellung für
problematisch, dass die Revolution von jenen gemacht würde, die am meisten
leiden.
Diese „Verelendungstheorie“ vernachlässige die Mechanismen des Einverständnis,
der Einbindung und des Mitmachens. Aber auch die von vielen AnarchistInnen geteilte
Vorstellung, die Leute mit dem „richtigen Bewusstsein“ könnten einen revolutionären
Prozess in Gang setzen, beurteilt er skeptisch. Denn diese Idee tendiert zu
Avantgardekonzepten und setzt wieder auf Bildung/Aufklärung, ohne deren
Eingebundenheit in Machtverhältnisse zu berücksichtigen.
Hinzuzufügen ist, dass auch der Ansatz des „richtigen Bewusstseins“ selbst
heikel ist: Wer entscheidet darüber, wann jemand reif zur Revolution ist?
Und haben Frauen das „richtige Bewusstsein“ nicht mehr, wenn sie sich als Frauen
(und nicht als Anarchistinnen) organisieren, weil sie als Frauen unterdrückt
werden?
Der Vorwurf, damit zu spalten und der Bewegung zu schaden, ist von Anarchisten
nicht nur einmal gemacht worden und auch kein Relikt der Vergangenheit. Hier
zeigt sich auch, dass es bei postanarchistischer Kritik nicht um rein Akademisches
geht, sondern durchaus um aktuelle Probleme sozialer Bewegungen.
Was will also der Postanarchimus?
Den Postanarchismus gibt es ebenso wenig wie den Anarchismus. Auch hier gibt
es eher individualistische, die imaginäre Linie Stirner – Nietzsche – Foucault
verfolgende Ansätze, und eher kollektivistische, der ausgedachten Verbindung
Bakunin – Landauer – Butler nachgehende.
Wahrscheinlich müssten aber auch eher Knäuel und Netze entworfen werden
als neue Geradlinigkeiten.
Denn die oben erwähnten „Post-ismen“ bieten jeder für sich genommen
bereits eine Vielzahl an theoretischen wie praktischen Möglichkeiten der
Verknüpfung. Um aber zwei Folgerungen kurz anzudeuten: Bewernitz z.B. gibt
die Vorstellung anarchosyndikalistischer Organisierung keineswegs auf.
Diese müsse allerdings nicht nur entlang von Klassen geschehen, sondern
rassistische und sexistische Unterdrückungsverhältnisse mit reflektieren.
Richard J. F. Day hingegen plädiert dafür, relays im Sinne von Gilles
Deleuze und Michel Foucault zu bilden: Das bedeutet, auf informelle Verknüpfungen
von Basisbewegungen zu setzen, ohne sich auf staatliche Politiken einzulassen.
Wir haben es zwar mit einer hegemonialen Situation zu tun, sagt Day, gegen die
wir ankämpfen müssen, aber wir treten nicht in einen Kampf um Hegemonie,
sondern gegen sie.
Da sich die Hegemonie des neoliberalen Kapitalismus immer auch gegen Kollektivität
richtet – so etwas wie „Gesellschaft“ gebe es nicht, hatte Margaret Thatcher
behauptet –, wäre zu diskutieren, ob nicht doch wieder darauf gesetzt werden
müsste. Gegen die staatlich forcierte Politik der Privatisierungen ließe
sich so durchaus mit Foucaults „In Verteidigung der Gesellschaft“ agieren.
Aber das ist nur eine der spannenden Fragen, die sich aus einer – hier nur äußerst
kurz und keinesfalls erschöpfend angerissenen – postanarchistischen Kritik
ergeben könnten.
Auf Deutsch existiert eine Homepage – www.postanarchismus.net – und ein Buch
zum Thema, aus dem die zwei erwähnten Texte stammen:
* Bewernitz, Torsten 2005: Klasse[n] von Gewicht? Probleme des Klassenkampfes
in der Postmoderne, in: Mümken, Jürgen (Hg.): Anarchismus in der Postmoderne.
Beiträge zur anarchistischen Theorie und Praxis, Verlag Edition AV, Frankfurt
a. M., S. 63-95.
* Day, Richard J.F. 2005: Gramsci is dead. Anarchist Currents in the Newest
Social Movements, London (Pluto Press)/Toronto (Between the Lines).
* Mümken, Jürgen 2005: Anarchismus in der Postmoderne. Eine Einführung,
in: ders. (Hg.): Anarchismus in der Postmoderne. Beiträge zur anarchistischen
Theorie und Praxis, Verlag Edition AV, Frankfurt a. M., S. 11-23.
1 Ein Vorläufer dieser vor allem in den USA, aber
auch in der Türkei und Kanada geführten Debatte war eventuell schon
die Diskussion zwischen Oskar Lubin und Janet Biehl in dieser Zeitung: Oskar
Lubin: „Der Citoyen als Protoanarchist“, GWR 236, Februar 1999, Janet Biehl:
„Sozial oder Lebensstilanarchismus?“, GWR 238, April 1999, Janet Biehl: „Was
ist Libertärer Kommunalismus?“, GWR 239, Mai 1999 und Oskar Lubin: „anarchism
rules not o.k.“, GWR 240, Sommer 1999.